ADHS-Beratung in Rheine

Mein Kind ist hyperaktiv – und wo bekomme ich Hilfe?

Bild: Wer ein hyperaktives Kind hat, ist oft der Verzweiflung nahe. Deswegen gibt es die ADHS-Beratung in Rheine für Eltern. (Quelle: Counselling auf pixabay)

Bei Wilhelm Busch gibt es die Figur des Zappel-Philipps, der so sehr bei Tisch herumhampelt, dass die Suppenschüssel auf dem Boden landet – samt Inhalt. Herumhampelnde Kinder – welche Eltern kennen das nicht?

Doch wenn ein Kind sich kaum beherrschen kann und wie aufgezogen durch den Tag zappelt, dann werden Eltern heute schnell mit einem Verdacht konfrontiert: ADHS. Die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung beschreibt eine Regulationsstörung im Gehirn, die es Betroffenen sehr schwer macht, Umweltreize zu filtern: Während wir uns im Café mit jemandem unterhalten und im Hintergrund das Geschirrklappern der Kellner kaum wahrnehmen, stehen für ADHS-Betroffene alle Sinneseindrücke gleichzeitig im Vordergrund und lenken permanent die Aufmerksamkeit von dem ab, was gerade im Mittelpunkt stehen sollte.

ADHS wirkt sich auf die Wahrnehmung aus, auf die Sozialisation, auf die Motorik und kann Begleiterscheinungen mit sich bringen. Heilbar ist es nicht, aber Menschen mit ADHS können lernen, mit ihrer Erkrankung umzugehen – oft unterstützt durch Medikamente.

Medikamente verschreibt der Arzt – wer aber hilft beim Umgang im Alltag? Nina Schmidt hat festgestellt, dass Eltern von Kindern mit ADHS einen großen Unterstützungsbedarf haben, und erklärt mir bei einem Treffen im Café, was sie für Eltern von Kindern mit ADHS tut.

Nina, welche Auslöser gibt es, damit Eltern zu Ihnen in die Beratung kommen?

Meistens sind es zwei Situationen: Entweder werden Eltern mit der Diagnose ADHS durch den Arzt oder Psychiater konfrontiert oder sie bekommen z. B. in der Kita gesagt: Es bestehe die Vermutung, dass ihr Kind hyperaktiv sei und die Aufmerksamkeit beeinträchtigt sein könnte.

ADHS-Beratung in Rheine

Nina Schmidt hat sich u. a. als ADHS-Beraterin selbstständig gemacht. © Nina Schmidt

Fangen wir mal mit der zweiten Möglichkeit an: Was erwartet Eltern, die mit solch einem Verdacht konfrontiert zu Ihnen in die Beratung kommen?

Oft geht es hier erst mal um das Einordnen, ums Sortieren. Ich frage z. B., wie die Eltern selbst das Kindverhalten sehen. Und dann klopfe ich ab, ob es ein auslösendes Ereignis für das auffällige Verhalten geben könnte, z. B. wenn die Oma kurz vorher gestorben ist oder ein Geschwisterkind geboren wurde. Dann rate ich den Eltern, in der Kita noch mal ganz genau nachzufragen: In welchen Bereichen und wann genau zeigt das Kind das auffällige Verhalten? Wie äußert es sich und wo? Können die Erzieherinnen das Verhalten beschreiben? Manchmal ist die Vermutung ADHS schnell bei der Hand, obwohl ein anderes psychisches Ungleichgewicht hinter dem Verhalten steckt. Um für ADHS infrage zu kommen, muss das Kind das auffällige Verhalten über ein halbes Jahr zeigen. Die Diagnose wird in der Regel bis zum siebten Lebensjahr gestellt.

Damit wären wir beim zweiten Beratungsbedarf: Die Diagnose steht, unser Kind hat ADHS.

Genau. Um die Medikation kümmert sich der Arzt, um die Psychotherapie des Kindes der Psychologe – aber Eltern haben bei Alltagsproblemen oft keinen Ansprechpartner. Die Diagnose selbst empfinden viele Eltern als Erleichterung, aber der Umgang mit ADHS verunsichert sie. Gleichzeitig bekommen sie ständig negative Rückmeldung aus ihrer Umgebung, von den Verwandten, von der Kita …

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Spätestens in der Schule haben ADHS-betroffene Kinder oft Schwierigkeiten. (Quelle: Patrice_Audet auf pixabay)

Das macht hilflos oder wütend und wirkt sich natürlich auch auf den Umgang mit dem Kind aus – da bildet sich ein Teufelskreis. Aus diesem Teufelskreis helfe ich rauszukommen, indem ich nicht nur frage: In welchen Bereichen und wann genau gibt es im Alltag Probleme?, sondern auch: Was klappt denn gut? Indem wir an den Stärken ansetzen, bekommen wir die Schwächen leichter bewältigt, denn Eltern erhalten wieder ein positives Kind- und Selbstbild. Wenn Eltern sagen: „Heute war endlich mal Ruhe!“ klingt das ganz anders, als wenn sie sagen: „Heute war ein guter Tag!“ Wenn sie sich vor Augen führen, was gut klappt, steigt auch das Selbstwertgefühl wieder.

Ich kann mir vorstellen, dass Eltern ihr Kind am liebsten manchmal auf den Mond schießen könnten …

Wichtig ist zu sehen: Die Belastung ist auch für die Kinder groß. ADHS-betroffene Kinder wollen ja, aber sie können einfach nicht. Eltern sollten vermitteln: „Du kannst nichts dafür. Die ADHS ist ein Teil von dir und wir lernen jetzt gemeinsam, wie du damit umgehen kannst.“ Es hilft Kindern, wenn sie die ADHS als Freundin akzeptieren lernen, die zu ihnen gehört, statt gegen sie anzukämpfen.

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Schon kleine Kinder leiden, wenn sie aufgrund von ADHS Probleme damit haben, sich in Gemeinschaften einzugliedern. (Quelle: mintchipdesigns auf pixabay)

Das ist bei dem Negativbild von ADHS in unserer Gesellschaft nicht so leicht.

ADHS ist ein Symptomträger für gesellschaftliche Probleme. Früher sind die Kinder zur Schule gelaufen und mit den Kumpels durch den Wald getobt, haben die Energie rausgelassen, sodass sie abends müde waren. Heute fehlt die Bewegung. Dabei können auch ADHS-betroffene Kinder den Schulweg zu Fuß meistern und haben sich dann vor dem Unterricht schon mal etwas bewegt. Sie können mit Freunden zusammen gehen oder mit den Eltern. Oder sie lernen durch ein Schulweg-Training ihren Schulweg so gut kennen, dass mit der Zeit selbst der Kiosk an der Ecke nicht mehr vom Verkehr ablenkt. In Hauenhorst gibt es einen „Walking Bus“, das ist auch eine gute Lösung, damit Kinder sicher zu Fuß zur Schule kommen.

Kommen die Eltern denn allein oder mit dem Kind in die Beratung?

In der Regel kommen die Eltern allein. Bei älteren Kindern kann es sinnvoll sein, dass sie mitkommen, wenn sie z. B. Schulprobleme haben und man am besten gemeinsam nach einer Lösung suchen kann. Wichtig ist auch, dass die Eltern beide kommen. In der Regel lastet viel auf der Mutter: Kita, Schule, Sportverein … Es ist wichtig, dass auch der Vater mitbekommt: Wie geht es der Mutter damit? Oft fehlt Familienzeit, hier können Tante, Kindermädchen oder manchmal auch bestimmte ehrenamtliche Dienste für Entlastung sorgen.

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Kinder mit ADHS bewegen sich gerne und machen gerne Sport. (Quelle: MrsBrown auf pixabay)

Welche konkreten Probleme quälen Eltern denn, wenn sie zu Ihnen kommen?

Wenn die Kita oder die Schule den ADHS-Verdacht äußern, fühlen sich Eltern oft allein gelassen. Manchmal nehmen sie ihr Kind auch ganz anders wahr als die Erzieherinnen oder Lehrer. Hier helfe ich zu vermitteln, kann als Außenstehende auch noch mal anders auf das Kind gucken. Oft kommen bei den Eltern Gefühle hoch wie die Angst vor Medikamenten. Hier ist es hilfreich, wenn ich als neutrale Person erst mal zuhöre.

Wenn die Diagnose steht, kann ein Antrag auf Integration bzw. Inklusion gestellt werden, damit etwa der Schulalltag bewerkstellbar wird. Oft sitzen auffällige Kinder ja ganz vorne direkt im Fokus des Lehrers, was den Druck noch erhöht. Hier gucken wir gemeinsam mit Eltern und Lehrern, was das Kind zum Lernen braucht, welcher Platz in der Klasse z. B. ruhiger ist oder ob es eine Pausenbetreuung bekommen kann durch den Schulpsychologen oder die Sozialpädagogin, sofern es so was gibt.

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Welcher Platz im Klassenraum eignet sich besonders gut für ein Kind mit ADHS? (Quelle: hdornak auf pixabay)

Selbst wer kaum etwas über ADHS weiß, eine Gleichung haben die meisten sofort im Kopf: ADHS = Ritalin.

Bei der Medikamentenfrage muss man abwägen. Ich empfehle, es erst anders zu versuchen, z. B. halte ich einen Besuch beim Heilpraktiker immer für einen Versuch wert. Homöopathische Mittel stellen eine sehr gute Alternative dar und können häufig schon viel bewirken. Man kann auch versuchen, aus der Ernährung den Zucker herauszunehmen und viel geht mit Alltagsstrukturierung. Wichtig ist mir, einen ganzheitlichen Weg zu finden.

Schule und Kita sind das eine, aber zuhause gibt es doch sicherlich auch eine Menge Probleme, oder?

Klar, und die lösen bei Eltern oft ein Versagensgefühl aus. Hier stärke ich die positive Selbstsicht und gebe Tipps für Entlastung im Alltag. Gemeinsam sprechen wir über Regeln, Grenzen und Strukturen, die ein ADHS-betroffenes Kind braucht. Eltern können ihrem Kind z. B. eine Auszeit geben, ohne es auszugrenzen. Statt zu sagen: „Geh in dein Zimmer, ich brauche mal eine Pause von dir!“, können sie formulieren: „Ich habe das Gefühl, dir würde eine Auszeit gut tun. Ich gehe deswegen mal eine Weile aus dem Raum.“ Ich-Botschaften sind hier sehr gut.

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Ein weißes Zelt im Kinderzimmer kann als reizarmer Ort für eine Auszeit genutzt werden. (Quelle: irhap auf pixabay)

Das klingt nach stiller Treppe …?

Ich mache tatsächlich im Oktober eine Fortbildung bei der „Super-Nanny“ (lacht). Ich bin mal gespannt, was die uns so sagt … Statt der stillen Treppe, die ja nicht besonders bequem ist, können Eltern im Kinderzimmer ein weißes Zelt aufbauen, einfach mit einem Laken über Stühlen oder so. Drinnen ist es reizarm, das beruhigt, und es ist ein gemütlicher Rückzugsort, wo auch Kind und Eltern gemeinsam entspannen können.

Wichtig ist, wie gesagt, ein Netzwerk an entlastenden Personen. Und gut ist auch der Austausch mit anderen betroffenen Eltern. Eine ADHS-Selbsthilfegruppe gibt es auch in Rheine.

Selbsthilfegruppe – und dann trotzdem noch Beratung?

Durch meine Beratung wird die Familie individuell unterstützt und so angenommen, wie sie ist: Sie soll nicht nach Schema funktionieren, sondern wird abgeholt, wo sie steht, und weiterbegleitet. Was einer Familie etwas bringt, muss einer anderen noch lange nicht helfen.

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Mit Tieren können Kinder ermutigende Erfolgserlebnisse haben. (Quelle: Hans auf pixabay)

Die Kinder können auch mitkommen, ich habe zwei kleine Ponys, zwei Hunde und eine Schildkröte. Wenn Kinder mit ADHS das Gefühl haben: Ich kann gar nichts!, kann man die Tiere gut einbinden, um den Kindern ein Erfolgserlebnis zu vermitteln. Sie können z. B. ein Pony führen oder eine kleine Aufgabe mit ihm lösen. Das macht dann auch die Eltern stolz.

Und wie lange nehmen Familien die Beratung in Anspruch?

Manche Familien fühlen sich schon nach zwei bis drei Beratungen eingespielt, andere lassen sich ein halbes Jahr begleiten und holen sich alle 14 Tage oder einmal im Monat Unterstützung. Meist kommen Eltern von Kindern im Einschulungsalter oder wenn sie elf Jahre alt sind, so rund um den Schulwechsel zur höheren Schule. Eine Beratungseinheit ist 50 Minuten lang.

Zahlen die Beratung die Krankenkassen?

Leider nein, die zahlen die Eltern selbst.

Sie haben gesagt, Sie setzen bei den Stärken an. Gibt es auch Dinge, die mit Kindern mit ADHS leichter oder schöner sind als mit nicht betroffenen Kindern?

Viele ADHS-betroffene Kinder sind supersportlich und leicht zu Bewegung zu motivieren – das ist toll für Eltern, die gern selbst aktiv sind. Und klasse für die Schulnoten im Sport. Viele Eltern sagen auch, dass ihre Kinder nicht nachtragend sind und kaum etwas krumm nehmen, weil sie so sehr im Hier und Jetzt leben.

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ADHS-betroffene Kinder sind oft super Sportler. (Quelle: Ben_Kerckx auf pixabay)

Ist ADHS eigentlich eine Jungenkrankheit?

ADHS betrifft häufiger Jungen, ja. Bei Mädchen ist ADS weiter verbreitet, das äußert sich häufig durch verträumte Guck-in-die-Luft-Schülerinnen. Die werden aber von ihrer Umwelt weniger als Problem wahrgenommen. Und dann gibt es noch hochsensible Kinder, bei denen oft die Fehldiagnose ADS gestellt wird. Die Abgrenzung ist hier hochkomplex und die Forschung steckt noch in den Kinderschuhen.

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ADS betrifft eher Mädchen und äußert sich z. B. in verträumtem In-die-Luft-Gucken. (Quelle: Pezibear auf pixabay)

Nina Schmidt hat sich als Beraterin für ADHS und Hochsensibilität selbstständig gemacht und begleitet in ihrer Praxis Familien, die mit diesen gesundheitlichen Besonderheiten umgehen müssen. Ihr findet sie auch auf Facebook. Getroffen habe ich sie beim Besuch der Waldspielgruppe Mesum, die dem Bewegungsdrang von ADHS-betroffenen Kindern auch entgegenkommen dürfte.

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