Betreute Waldspielgruppe Mesum – ein Besuch

FBS Rheine bietet drei Loslösegruppen im Wald an zur Vorbereitung auf den Kindergarten

Bild: Auf dem Waldsofa machen die Kinder der Waldspielgruppe Mesum Pause.

Es ist der 1. Juli, es sind schwüle 19 Grad und sie haben Regen gemeldet. Wieder so ein Tag, an dem ich nicht weiß, was ich unserer Tochter anziehen soll. Aber heute ist die Matsch-Hose obligatorisch, denn wir besuchen die Waldspielgruppe der FBS in Mesum, um einen typischen Vormittag mit ihr zu verbringen – der dann kein typischer wird.

Waldspielgruppe Mesum

Das Wald-Mobile ist mit Naturmaterialien zum Fühlen gestaltet.

Unser Treffen mit der Betreuten Waldspielgruppe Mesum

Um kurz vor neun treffen wir die anderen auf dem Spielplatz Hasenhöhle, sie beenden gerade ihr Begrüßungslied mit den Eltern, denn wir sind zehn Minuten zu spät. Unsere Tochter ersetzt das einzige Mädchen der Gruppe, das heute fehlt. Im Bollerwagen, von den Kindern selbst bemalt, sind schon die Rucksäcke der sechs Jungs verstaut und die Isomatten, außerdem der Geburtstags-Snack von Felix*, der heute ein Jahr älter geworden ist. Mit ihren knapp zwei Jahren ist unsere Tochter das jüngste Kind und ich bin gespannt, ob sie sich die nächsten drei Stunden auf den Beinen hält.

Waldspielgruppe Mesum

Den Bollerwagen haben die Kinder selbst bemalt.

Die Waldspielgruppe Mesum trifft sich an zwei Vormittagen pro Woche von 8.45 bis 12 Uhr. In Bentlage und Hörstel gibt es weitere Betreute Waldspielgruppen der FBS Rheine, darunter auch dreitägige. Die „Waldkinder“ sind bei jedem Wetter draußen. Nur bei Extremwetter ziehen sie sich nach drinnen zurück – in Mesum ins Jugendzentrum HOT. Wer keine Windeln mehr trägt, kann sich auf den mobilen Toiletten auf dem Spielplatz Hasenhöhle erleichtern. „Eine der ersten Fragen der Eltern ist: ‚Was passiert, wenn mein Kind um 9 Uhr in die Windel macht? Bleibt das dann bis 12 Uhr da drin?’“, sagt Nina Schmidt und beruhigt: „Wir wickeln auch im Wald.“ Weitere Informationen zu den Betreuten Spielgruppen allgemein findet ihr hier.

Der Wald macht aus den Kindern eine Gruppe aus Entdeckern

Wir stapfen los in den Wald, es dauert keine drei Schritte, da haben die Jungs die ersten Stöcke in der Hand. Die beiden Betreuerinnen, Nina Schmidt und Hildegard Jobst, ziehen den Bollerwagen und warnen vor den Brennnesseln an der Engstelle des Weges. Für unsere Tochter, Stadtkind, ist der Waldboden eine Herausforderung, die Jungs springen und rennen über die Wurzeln, Sandkuhlen und Tannenzapfen. Nach wenigen Minuten erreichen wir den Kletterhügel, den schon Pfade zeichnen – ausgetreten von vielen Gummistiefeln der Größe 22 aufwärts.

Waldspielgruppe Mesum

Der Hügel hat schon eine Laufspur.

Gerade lauschen wir einer Lerche (Ist es eine Lerche? Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung – bei uns gibt es Dohlen oder Amseln …), da fängt es an zu regnen. Schnell sammeln wir uns unter einem Baum und umarmen gemeinsam den dicken Stamm. Das dichte Blätterwerk ist unser Dach. Einer der Jungs findet einen Regenwurm, schon der zweite heute, und nimmt ihn auf die Hand. Heute ist Regenwurmwetter.

Waldspielgruppe Mesum

Heute ist Regenwurmwetter.

Der Betreuten Waldspielgruppe Mesum merkt man das dörfliche Einzugsgebiet an: Alle Kinder haben Deutsch als Muttersprache. Das Miteinander entwickelt sich schnell: „Wenn eins der Kinder fällt, stürzen alle hin und helfen ihm auf“, beobachtet Nina Schmidt, „und wenn eins unbedingt einen Ast dorthin bringen will, dann schleppen die alle zusammen riesige Dinger.“ Ist eins der Kinder noch jünger, warten sie auf es, wenn es langsamer läuft. Wenn eins der Kinder mal nicht ganz fit ist, dient der Bollerwagen als Notabschleppdienst.

Waldspielgruppe Mesum

Die Kinder helfen, den Bollerwagen zu schieben.

Spielen und Lernen zwischen Käfern und Blättern

Dann geht’s weiter, zum Waldsofa. Direkt daneben ist der Kletterparcours aus Baumstümpfen. Der Werkzeugkasten wird ausgepackt und fachkundig beginnen die Jungs, mit Hämmern und Sägen das Holz zu bearbeiten. Unsere Tochter versucht sich auch mit der Säge, die ich ihr nie in die Hand gegeben hätte: Zuhause bekommt ihr Vater schon Angstzustände, wenn sie in die Nähe von Messern oder Scheren kommt. Während sie rote Späne aus der Borke eines Stumpfs raspelt, zersägen die Jungs schon ganze Stöcke. Ich frage nach dem Verbandskasten: Ja, der ist immer dabei. Scheint aber nicht oft gebraucht zu werden.

Waldspielgruppe Mesum

Die Jungs sägen dicke Stöcke.

Ich bewundere das Mobile, das aus Federschmuck, Moosball, Stock-Xylophon und bemooster Borke besteht. Zwei Jungs haben derweil eine „Baustelle“ entdeckt, eine Kuhle im Boden, in der sie bis zur Hüfte verschwinden. Andere reiten auf dem „Pferd“, einem dicken Ast, der auf dem Boden liegt. Unsere Tochter will auch zu dem „weißen Pferd“ und ich betrachte verwundert die braun-gelbe Färbung des Asts. Linus* nimmt sie an die Hand und nimmt sie mit zum „Pferd“, aber unsere Tochter meinte tatsächlich weiße Pferde, denn auf der Weide hinter dem Waldrand stehen zwei Schimmel.

Waldspielgruppe Mesum

Zwei Schimmel grasen auf der Wiese am Wald.

„Die Kinder lieben die Sägen“, sagt Nina Schmidt, aber sie basteln auch mit Naturmaterialien – wie eben das Tast-Mobile. „Manchmal legen wir Papier auf die Borke der Bäume und rubbeln mit Kreide darüber, um zu sehen, welche Muster es gibt.“ Mit der Becherlupe sammeln und beobachten die Kinder Käfer oder Würmer. Durch den Wechsel von Wetter und Jahreszeiten werden die Sinne geschult: Woher kommen im Frühling plötzlich die ganzen grünen Blätter? Und wie riecht es, nachdem es geregnet hat? Jeden Tag ist der Wald anders. Pflanzenkunde geschieht ganz praktisch: Wer sich einmal an der Brennnessel verbrennt, merkt sie sich schnell.

Waldspielgruppe Mesum

Baumstümpfe klingen toll, wenn man darauf herumhämmert.

Betreute Spielgruppe Mesum fördert Ausdauer und Widerstandsfähigkeit der Kinder

Dann rufen die Betreuerinnen zum Frühstück, doch bevor wir uns auf das Waldsofa setzen können, bricht der nächste Schauer los – so richtig. Wir rotten uns zusammen und halten Isomatten als Dach über den Kopf, denn so viel Wasser halten nicht mal die Bäume zurück. Die Jungs langweilen sich bald, rempeln und werden doch nass. Nicht mal das Regenwurmlied lenkt sie ab. Nach einer Viertelstunde singen sie dann das Sonnenlied und es wirkt: Der Regen wird weniger. Mittlerweile sind wir aber alle ziemlich nass, zumindest dort, wo keine Regenklamotten waren. Deswegen brechen wir die Runde ab und kehren zurück zur Hasenhöhle. Den Kaulquappentümpel und die Feuerstelle werden wir heute nicht mehr sehen.

Waldspielgruppe Mesum

Auf dem Waldsofa machen die Kinder der Waldspielgruppe Mesum Pause.

„Wir hatten einen ganz niedrigen Krankenstand im Winter“, sagt Nina Schmidt, „unsere Kinder sind fit und abgehärtet.“ Kein Wunder, sie legen bei jedem Wetter pro Spielgruppentag rund zwei Kilometer im Wald zurück – Hin- und Hergerenne nicht eingerechnet. Die ein bis zwei Pausen abgerechnet, sind die Kurzen rund drei Stunden ununterbrochen auf den Beinen. „Das schaffen auch die Kleinen – wir haben ja auch eine Eingewöhnungsphase“, sagt Nina Schmidt.

Waldspielgruppe Mesum

Mit dem Hammer treiben die Waldkinder Nägel mit dicken Köpfen in totes Holz.

In der Schutzhütte setzen sich die Kinder auf Isomatten auf den Boden im Kreis und packen ihr Frühstück aus. Dazu gibt es den Geburtstagssnack von Felix*. Er darf sich auch als Erster beim „Verschwinden“-Spiel verstecken.

Waldspielgruppe Mesum

Im Gras gibt es glitzernde Regentropfen zu entdecken.

„Waldkinder“ haben eine Menge Power!

Dann wird es endlich trocken und wir kehren noch einmal in den Wald zurück. Ich biete unserer Tochter an, nach Hause zu fahren, aber sie will wieder mit. Die Jungs versuchen, sie in ihr „Ich-schubs-dich“-Spiel einzubeziehen, aber sie missversteht das und fängt an zu weinen. Will sie jetzt nach Hause? Nö. Schnell sind die Tränen vergessen und sie sucht mit Linus* im Unterholz Stöcke. Felix* bekommt in der Zeit Geburtstagsumarmungen von einem der anderen Jungs.

Waldspielgruppe Mesum

Wenn’s steil wird, helfen die Betreuerinnen.

Auf dem Rückweg wartet eine riesige Matschpfütze auf uns. Der untypische Tag mit dem ersten richtig starken Regen in diesem Jahr und der abgebrochenen Runde von rund zwei Kilometern ist den Jungs anzumerken: Sie sind noch nicht ausgepowert, springen in die Pfütze und rennen dann weiter auf die Wiese in die Arme ihrer Mütter, Väter und Omas. Unsere Tochter kapituliert: Sie bleibt müde mitten in der Pfütze stehen.

Waldspielgruppe Mesum

Ein müder Waldzwerg in der Matschpfütze.

Die Betreuten Waldspielgruppen der FBS Rheine haben noch freie Plätze für das Kita-Jahr 2016/17 – Anmeldungen bei Kirsten Markgraf. In Mesum gibt es eine zweitägige Gruppe von 8.45 bis 12 Uhr, die sich bei Extremwetter im Jugendzentrum HOT aufhält, die dreitägigen Gruppen in Hörstel und Bentlage haben je einen Bauwagen. Beide Bauwagen sind neu angeschafft worden. Die Gruppe in Bentlage verfügt über eine Zoodauerkarte und ist oft im Naturzoo unterwegs. Die dreitägigen Gruppen gehen von 8.45 bis 12.30 Uhr.

* Aus Gründen des Datenschutzes und Personenrechts habe ich die Kinder nicht fotografiert und ändere im Text auch ihre Namen.