Dr. Peter Lüttmann: „Wir werden den Rechtsanspruch auf Betreuung erfüllen“

Interview mit Rheines Bürgermeister zu seiner Person als Rheinenser, Bürgermeister und Vater II

Bild: Dr. Peter Lüttmann im Interview mit mir

In Teil I des Interviews ging es vor allem um die Person Dr. Peter Lüttmann, jetzt kommen wir zum eher politischen Teil.

Die Erhöhung der Kita-Beiträge haben Sie erst mal vertagt. Wo, glauben Sie, wird die Stadt Rheine angesichts knapper Kassen Eltern demnächst mehr in die finanzielle Pflicht nehmen müssen?

Dr. Peter Lüttmann: Die Erhöhung der Kita-Beiträge haben wir einerseits vertagt, um Planungssicherheit für die Eltern zu schaffen. Andererseits wurde gerade auf Landesebene entschieden, dass die KiBiz-Pauschale von 1,5 auf 3 Prozent erhöht werden soll, was mehr Kosten für die Kommunen bedeuten würde.

Dr. Peter Lüttmann

Den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz will und muss die Stadt Rheine erfüllen.

Ich halte die Harmonisierung der Elternbeiträge für Tagespflege und Kita übrigens noch immer für einen guten Gedanken. Natürlich müssen wir Spitzen abfedern. Insgesamt wird es jedoch sicherlich nicht günstiger werden. Durch den Zuschuss aus diversen Töpfen von Bund und Land haben wir unser strukturelles Defizit für 2016 in Rheine von 8,3 Mio. auf 3,2 Mio. Euro gesenkt (in der Planung), aber damit geben wir 2016 immer noch 3,2 Mio. Euro mehr aus, als wir einnehmen. Das hat nichts mit Generationengerechtigkeit zu tun.

Mit der Erhöhung der Grundsteuer B ist für mich aber erst mal Ende der Fahnenstange. Jetzt müssen wir die Ausgaben für alle Bereiche prüfen und dabei wollen wir Familien möglichst nicht benachteiligen. Wir wollen ja junge Familien in die Stadt locken. Aber natürlich wird es eine schwierige Aufgabe. Aber ich sage auch: Wenn wir bei den Ausgaben kürzen, werden die Bürger das auch merken.

Aber Sie können noch nicht konkret sagen, dass wir uns demnächst z. B. auf höhere Eintrittspreise fürs Schwimmbad einstellen müssen oder so?

Nein, so weit sind wir noch nicht. Es wurden und werden verschiedene Anträge aus der Politik geprüft, auch die Verwaltung wird Einsparvorschläge prüfen.

Dr. Peter Lüttmann

Rheine bietet alle Schulformen an; im Schulzentrum Dorenkamp sind allein vier Schultypen direkt benachbart.

Der demografische Wandel hat in den letzten Jahren die Diskussion um Zusammenlegungen und Schließungen von Schulstandorten aufkommen lassen – nun brauchen wir plötzlich Schulplätze für Flüchtlingskinder. Glauben Sie, dass die Flüchtlingswelle den Erhalt von Schulstandorten bedeuten könnte?

Sowohl in Schulen wie in Kitas müssen wir Plätze schaffen. Der einzelne Standort kann durch den Zuzug von Flüchtlingen sicherer sein als ohne. Wir haben das Recht auf einen Betreuungsplatz ebenso wie die Schulpflicht – und wir wollen diesen Rechtsanspruch erfüllen. Einen Verteilungskampf gibt es nicht und darf es nicht geben. Wir werden den Rechtsanspruch auf Betreuung erfüllen, ob mit Kitas oder mit der Tagespflege. Und wir bauen ja auch weiter Kitas. Auf dem riesigen Areal der General-Wever-Kaserne wird z. B. eine Kita entstehen.

Eine Mutter gab mir folgende Frage mit: Könnte man das Einkommen der Frau bis zu einer bestimmten Grenze bei der Berechnung der Kindergartenbeiträge außen vor lassen? Viele Frauen, so ihre Erfahrung, gingen nicht arbeiten, weil sie dann mehr Kindergartenbeiträge zahlen müssten, und nähmen anderen Eltern die Kita-Plätze weg.

Ich denke, ein solches Vorgehen wäre nicht richtig. Für die Stadt ist das Motiv, aus dem heraus Eltern ihre Kinder in die Kita geben, auch nicht relevant. Wir versuchen nicht, da irgendetwas über das Einkommen zu steuern. Und dass nichtarbeitende Mütter anderen Eltern einen Betreuungs-Platz wegnehmen, das gibt es auch nicht, denn wer einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungs-Platz hat, der bekommt auch einen.

Dr. Peter Lüttmann

Sport ist ein geeignetes Inklusionsinstrument. (Quelle: gleidiconrodrigues auf pixabay)

Viele Eltern haben Sorge, dass ihre Kinder mit den Kindern der Flüchtlinge konkurrieren müssen, nicht nur um Kita- und Schulplätze, auch um Sport- und Freizeitangebote, öffentliche Gelder und Wohnungen. Was sagt Dr. Peter Lüttmann diesen Eltern?

Eine Konkurrenz im Sport sehe ich nicht, Sport ist doch das Integrationsmittel schlechthin und viele Vereine bieten ja auch Flüchtlingskindern Sportmöglichkeiten. Ich hab noch nicht gehört, dass jemand keinen Platz im Sportverein bekommen hat, weil zu viele Flüchtlinge da gewesen wären. Wohnungen dagegen müssen wir dringend schaffen: Die Stadt ist da in Gesprächen mit den Anbietern. Und beim sozialen Wohnungsbau müssen wir noch eine Schüppe drauflegen.

Ihre Eltern haben Ihren Studienwunsch unterstützt, auch wenn das bedeutete, dass Sie noch ein paar Jahre länger finanzielle Hilfe benötigen würden. Ihre Söhne sind in einigen Jahren so weit, dass sie die Schule verlassen. Was wünschen Sie sich für ihre Karriere und wie sehen Sie Ihre Rolle als Vater dabei?

Karriere ist so ein komisches Wort … Ich finde eher, dass man Freude an seinem Beruf haben sollte. Wenn sie das, was ihnen Spaß macht, zu ihrem Beruf machen, haben meine Söhne viel gewonnen. Das kann ein Studium bedeuten oder eine Ausbildung, nicht jeder muss ja studieren. Wir haben eine hohe Studienabbrecherquote in Deutschland, das kommt ja nicht von ungefähr. Auch das Handwerk zum Beispiel hat ja attraktive Angebote. Jeder sollte seinen Neigungen nachgehen, dann macht er seinen Beruf auch richtig gut. Es ist nicht wichtig, ob jemand Akademiker ist.

Dr. Peter Lüttmann

Nicht jeder muss studieren, findet Dr. Peter Lüttmann. (Quelle: nikolayhg auf pixabay)

Viele Eltern verbinden mit einem Studium ihrer Kinder eine spätere finanzielle Sicherheit.

Aber wir wissen auch, dass ab einer bestimmten Grenze mehr Gehalt nicht glücklicher macht. Ich muss schon Gefallen finden an dem, was ich tue. Ich glaube, finanzielle Anreize sind nicht immer die beste Wahl.

Sie sehen sich selbst als Ermöglicher statt als Verhinderer: Wenn Sie alle Möglichkeiten hätten – was würden Sie sich für Rheine wünschen im Hinblick auf Familien?

Ich würde die Kitas, Schulen und die OGS (Offener Ganztag an Schulen, Anm. d. Bloggerin) so organisieren, dass das Angebot auch bezogen auf die Personalsituation top ist und keine Kosten für die Eltern entstünden. Wenn ich Superman wäre …

Vielen Dank, dass Sie sich für mich Zeit genommen haben!

Zu meiner Anfangsfrage, was für ein Mensch Dr. Peter Lüttmann ist: Er ist ein politischer Mensch, den seine Erfahrungen geprägt haben, aber er ist kein typischer Politiker. Um zu erklären, was ich damit meine, zitiere ich ihn noch einmal: „Ich zeige lieber mal eine Kante, als wenn ich alles so weich formuliere, dass ich es auch gar nicht sagen könnte. Sollen sich andere ruhig mal an mir reiben.“ Dazu passt, dass er kein Presselächeln besitzt, das er an- und ausschalten kann. Ich hatte den Eindruck, er trennt nicht zwischen seiner Person und seinem Amt – und das lässt ihn auf mich authentisch wirken.

Dr. Peter Lüttmann

Dr. Peter Lüttmann © Pressestelle Stadt Rheine

Also, wenn ihr mal gute Ideen habt oder Fragen an den Bürgermeister oder euch auch mal was nicht so gefällt, dann wendet euch an ihn – er ist echt umgänglich! Ihr erreicht ihn über sein Sekretariat oder über die Einwohnerfragestunde, die in jeder Rats- oder Ausschusssitzung ihren Platz hat. Mein Eindruck: Er ist durchaus offen und dankbar für konstruktive Vorschläge.