Elterntaxi gefährdet Schüler – ein Lösungsbeispiel

Kardinal-von-Galen-Schule in Rheine mahnt Eltern per Halteverbot zur Vorsicht

Bild: Das Halteverbot entlastet die Verkehrssituation an der KvG spürbar.

So ziemlich jede Grundschule in Rheine kennt das: Morgens vor Schulbeginn oder mittags nach Schulschluss reiht sich Stoßstange an Stoßstange entlang der Bürgersteige vor der Schule – Eltern holen ihre Kinder ab. Zwischen den parkenden Autos versuchen jene Kinder irgendwie sicher über die Straße zu kommen, die zu Fuß oder mit dem Rad die Schule besuchen. Doch Grundschüler sind selten groß genug, um zwischen den Autos die Straße überhaupt einsehen zu können. Vor allem seit der SUV ein beliebtes Stadtauto geworden ist.

An der Kardinal-von-Galen-Schule (KvG) in Rheine wurde jetzt nach langem Ringen mithilfe des Stadtteilbeirats Dutum-Dorenkamp eine Lösung gefunden, um die Situation zu entlasten und die Kinder zu schützen. Nun klappt es besser – unbelehrbare Eltern ausgenommen. Ein Gespräch mit dem kommissarischen Schulleiter Christoph Koenen.

Spätestens beim Anblick der kleinen gelben Füße sollte klar sein, dass Parken hier die Sicherheit der Kinder gefährdet.

Spätestens beim Anblick der kleinen gelben Füße sollte klar sein, dass Parken hier die Sicherheit der Kinder gefährdet.

Christoph Koenen ist von einer Statur, die nicht nur Grundschülern sofort Respekt einflößt. Sein strahlendes Lächeln sorgt dafür, dass ich mich trotzdem traue, ihm die Hand zu geben. Ich treffe ihn eine Stunde, bevor er wieder in den Unterricht muss in seinem Büro. Türen, Schränke, Stühle und Tische sehen aus, als seien sie seit den 70ern hier. Den Schreibtisch hat Christoph Koenen mit Beinverlängerungen höher gesetzt, damit er sich keinen Rückenschaden holt, denn die Tischhöhe wurde noch für Schreibmaschinenschreiber konstruiert. An der Pinnwand neben der Tür hängen selbstgemalte Bilder seiner Schüler.

Christoph Koenen holt sich einen Kaffee, unsere Unterhaltung ist seine „Pause“. Während unseres halbstündigen Gesprächs geht dreimal der Anrufbeantworter an, was er leichter zu ignorieren schafft als ich. Der Schulleiter ist offensichtlich ein gefragter Mann, dennoch begleitet er mich nach dem Interview zur Straße, um mir die Situation ausführlich auseinanderzusetzen. Als wir am Zaun des Schulhofs entlanggehen, ruft ihm ein Schüler zu: „Herr Koenen?“ – „Ja?“ – „Sind sie verliebt?“ Respekt scheint Neckereien nicht auszuschließen …

Das Halteverbot entlastet die Verkehrssituation an der KvG spürbar.

Das Halteverbot entlastet die Verkehrssituation an der KvG spürbar.

Herr Koenen, die Zusammenarbeit mit dem Stadtteilbeirat scheint gefruchtet zu haben.

(Nachdem ein Zebrastreifen von der Stadt abgelehnt wurde, haben die Schulpflegschaft der KvG und Frank Hörsting vom Stadtteilbeirat Dutum-Dorenkamp eine Halteverbotszone beantragt nach dem Vorbild aus anderen Städten. Nachdem regelmäßige Briefe an die Stadt über Jahre von Koenens Vorgänger und ihm selbst immer ergebnislos blieben, zeigte der Weg über den Stadtteilbeirat endlich Wirkung: Vor der Kardinal-von-Galen-Schule wurde vor den Sommerferien eine Halteverbotzone von Montag bis Freitag von 7 bis 9 Uhr und von 11 bis 14 Uhr eingerichtet. Außerdem waren Polizisten vor Ort und sprachen mit den Eltern.)

Ja, die Felsenstraße wird nun mehr als „Park and Ride“ genutzt als vorher, ein paar Unbelehrbare gibt es jedoch immer noch. Einen habe ich mal angesprochen, zu meiner Hilfe kam uns auch gerade noch ein Verkehrspolizist entgegen. Wir haben dann gemeinsam erklärt, dass es für unsere Schüler schwierig und gefährlich ist, zu Fuß oder mit dem Rad über die Straße zu kommen, wenn die parkenden Autos die Sicht versperren.

Quelle: Google Maps

Quelle: Google Maps

Man sollte meinen, Eltern seien besonders empfänglich für solche Hinweise, die die Sicherheit von Kindern betreffen. Warum haben sie überhaupt immer vor der Schule geparkt?

Viele Eltern wollen heute, dass ihr eigenes Kind schnell und mit wenig Aufwand zur Schule kommt. Dabei gefährden sie dann die Allgemeinheit. Ich weiß nicht, ob man das egozentrisch nennen kann, wenn Eltern so um ihr eigenes Kind kreisen. Sie sind so auf das Wohl des eigenen Kindes bedacht, alles muss passieren, damit ihr Kind zu seinem Recht kommt – auf Kosten der Allgemeinheit. Diese Extrawürste verlangen Eltern auch in anderen Bereichen, das berichten mir auch meine Kollegen. Nach dem Motto: Mein Kind hat eine Besonderheit und alle anderen müssen darauf Rücksicht nehmen.

Muss man nicht zugunsten der Eltern anführen, dass der Alltag es heute einfach unmöglich macht, das Kind morgens erst zu Fuß zur Schule zu begleiten, dann zurück nach Hause zu gehen, um das Auto für den Arbeitsweg zu holen?

Natürlich, der Zeitdruck und Stress haben zugenommen, weil häufig beide Eltern berufstätig sind. Außerdem sind die Schulgrenzen offen, sodass manche Kinder aus anderen Stadtteilen zu uns kommen. Außerdem können nicht alle Kinder allein zur Schule kommen, selbst wenn sie in der Nähe wohnen, Kinder sind ja unterschiedlich früh verkehrsbewusst. Wenn es demnächst wieder kalt und dunkel ist morgens, wird das besonders für die Erst- und Zweitklässler problematischer.

Wo ist es denn morgens an dieser Schule besonders gefährlich?

Der Lehrerparkplatz hinter der Turnhalle ist ein großer Gefahrenpunkt. Eigentlich sollte er als „Park and Ride“ genutzt werden von den Eltern: Sie fahren drauf, lassen ihre Kinder aussteigen und fahren wieder weg. Dadurch allein ist an den Ein- und Ausfahrten zum Parkplatz natürlich schon viel Verkehr. Dazu kommen die Kinder, die mit dem Rad von der Ludwig-Dürr-Straße in den Fliederweg einbiegen, um auf dem Schulhof zu parken. Dass es hier noch nicht gekracht hat, ist eigentlich ein Wunder.

An dieser Straßenecke treffen radfahrende Schüler und autofahrende Eltern aufeinander. Noch hat es nicht gekracht ...

An dieser Straßenecke treffen radfahrende Schüler und autofahrende Eltern aufeinander. Noch hat es nicht gekracht …

Jetzt kommt aber hinzu, dass die Eltern nicht einfach nur ihre Kinder aussteigen lassen, sondern sie bis ins Klassenzimmer begleiten. Währenddessen lassen sie ihr Auto auf dem Parkplatz stehen und versperren den Platz für andere Eltern.

Der Lehrerparkplatz an der KvG dient als "Park and Ride". Oft genug lassen Eltern hier ihren Wagen aber auch länger als nötig stehen.

Der Lehrerparkplatz an der KvG dient als „Park and Ride“. Oft genug lassen Eltern hier ihren Wagen aber auch länger als nötig stehen.

Vor dem Halteverbot parkten Eltern außerdem so, dass der Linienbus z. B. am Tag der Einschulung an der Ecke Felsenstraße/Ludwig-Dürr-Straße nicht durchkam. Seit dem Halteverbot nutzen die Eltern die Felsenstraße als „Park and Ride“ und das ist auch die beste Möglichkeit.

Die Felsenstraße wird jetzt mehr als "Park and Ride" genutzt: die beste Lösung.

Die Felsenstraße wird jetzt mehr als „Park and Ride“ genutzt: die beste Lösung.

Ich war damals sauer auf meine Mutter, als meine kleine Schwester schon im letzten Kindergartenjahr mit dem Rad allein nach Hause fahren durfte, während ich noch das komplette erste Schuljahr hindurch zu Fuß zur Schule gehen musste. Schreiben Schulen heute vor, dass Kinder gebracht werden müssen?

Nein, wie das Kind zur Schule kommt, liegt im Ermessen der Eltern: Wir wollen die Kinder ja zur Selbstständigkeit erziehen. Bei uns gibt es die Regelung, dass die Dritt- und Viertklässler allein mit dem Rad zur Schule kommen dürfen, wenn sie die Radprüfung in der 3. Klasse absolviert haben. Wir haben aber auch durchaus noch Viertklässler, die verkehrsauffällig sind und die ich nicht allein zur Schule schicken würde. Man kann die Verkehrsreife nicht allein am Alter festmachen.

Die 1. und 2. Klassen dürfen zu Fuß allein zur Schule kommen. Außerdem gibt es einen „Walking Bus“, der seit zwölf Jahren von dem Opa eines ehemaligen Schülers begleitet wird. Die Kinder treffen sich am Kreisverkehr der Ludwig-Dürr-Straße und gehen dann gemeinsam zur Schule. Auch die Eltern, die übern Berg wohnen, haben einen „Walking Bus“, da ist bei 10 bis 15 Kindern immer ein Elternteil dabei.

Die Kinder mit dem Rad zur Schule bringen, dazu regen auch die Schilder an den Fahrradständern an.

Die Kinder mit dem Rad zur Schule bringen, dazu regen auch die Schilder an den Fahrradständern an.

Die Erfahrung zeigt, dass das Halteverbot hilft. Warum war es so schwer, es zu bekommen?

Ich hatte den Eindruck, dass das Ordnungsamt keinen Präzedenzfall schaffen wollte, weil sonst alle Grundschulen demnächst ein Halteverbot haben möchten. Aber alle Elternbriefe und Appelle in den Erstis-Veranstaltungen haben nicht gewirkt. Mit dem Halteverbot haben wir nun eine tatsächliche Handhabe, auch wenn es nicht unsere Absicht ist, Knöllchen zu verteilen. Wir nutzen das Halteverbot eher als Signal und suchen dann das Gespräch. Außerdem haben wir Lehrer einen Zettel entworfen, den wir hinter die Scheibenwischer klemmen können. Darauf steht die Bitte, demnächst anders zu parken. Ein Knöllchen ohne Folgen sozusagen.

Dass Eltern ihre Kinder vielfach am liebsten direkt im Klassenzimmer absetzen, hat ja mit Beschützenwollen zu tun. Trauen wir unseren Kindern heute zu wenig Selbstständigkeit zu?

Natürlich hat das mit Loslassen zu tun, Stichwort Helikopter-Eltern. Aber wir nehmen den Kindern heute auch zu viel ab. Ich kann mir da an die eigene Nase packen, ich bin ja auch Vater. Auch in der Schule fördern wir differenziert und individuell, das ist auch gut so. Aber was Selbstständigkeit und das Einfügen in die Gemeinschaft angeht, trauen wir den Kindern zu wenig zu und verlangen ihnen auch zu wenig ab.

Wenn hier die Eltern parken, kommt der Linienbus nicht mehr um die Ecke.

Wenn hier die Eltern parken, kommt der Linienbus nicht mehr um die Ecke.

Als ich auf dem Schulhof ankam, war eine Klasse gerade dabei, auf dem Schulhof die Radübungen zu machen. Als ich wieder gehe, ist der Schulhof leer, mein Rad wartet auf mich – zum Glück ohne Knöllchen: Ich hatte im Fahrradständer für Lehrer/innen geparkt …

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