Auch zukünftig genug Hebammen für die Geburt im Mathias-Spital Rheine

Interview mit dem Chefarzt der Frauenklinik Dr. Kay Goerke zum Verhältnis Arzt/Hebamme, Kaiserschnitt/natürliche Geburt und Arzt-/Vaterrolle Teil I

Bild: Eine glückliche Geburt nach ihren Vorstellungen wünschen sich alle Eltern (Quelle: igrow auf pixabay).

Am 1. Dezember stand es mal wieder in der Zeitung: In NRW werden zu viele Kinder mit Kaiserschnitt geboren. Im Kreis Steinfurt sind es gut 34 Prozent, noch mehr als im Landesdurchschnitt. Die WHO hält 10 bis 15 Prozent für angemessen, eine Klinik in Coesfeld schafft 19 Prozent. Mein Verdacht, Kaiserschnitte seien für Kliniken einfach finanziell attraktiver, wurde durch den Artikel unterstützt. Die Idee: Wenn die Kliniken einfach für natürliche Geburten genauso viel Geld bekommen wie für Kaiserschnitte, müsste die Zahl der Kaiserschnitte sinken. Also muss man das nur politisch durchsetzen, oder? Das und andere Fragen wollte ich klären mit Dr. Kay Goerke, Chefarzt der Rheiner Frauenklinik und damit u. a. verantwortlich für die Geburt im Mathias-Spital Rheine. Also hab ich ihn getroffen. Passt ja auch, feiern wir doch bald wieder die Geburt eines ganz besonderen Kindes …

Herr Dr. Goerke, wir sitzen hier, weil ich mit der offenbar naiven Vorstellung kam, man müsse einfach beschließen, für Kaiserschnitte und natürliche Geburten gleich viel Geld zu zahlen. So einfach ist das aber offenbar nicht, sagten Sie mir am Telefon.

Seit Ende der 1980er Jahre werden Krankenhausleistungen in Deutschland nach dem DRG-System berechnet, das steht für Diagnosis Related Groups. Für bestimmte Diagnosen werden also unterschiedliche Prozeduren von den Krankenkassen bezahlt nach einem sehr umfassenden Katalog. Zu den Kriterien zählen z. B. das Alter des Patienten, ob er zusätzliche Erkrankungen hat, wie komplex die Operation ist … Ein Kaiserschnitt in der 32. Woche etwa wird anders bezahlt als einer in der 38. Woche.

Geburt im Mathias-Spital Rheine

Dr. Kay Goerke hat in 20 Jahren Geburtshilfe rund 15.000 Kinder selbst entbunden – seine beiden eigenen waren nicht darunter. Die sind heute 22 und 25 Jahre alt. Seit Juli 2013 leitet Goerke die Frauenklinik am Mathias-Spital in Rheine. Nach seiner Facharztausbildung in der Frauenheilkunde und Geburtshilfe hat er eine dreijährige fakultative Weiterbildung in der speziellen Geburtshilfe und Perinatalmedizin absolviert. Insgesamt hat er damit 14 Jahre Ausbildung hinter sich seit Studienbeginn. Dazu kommen regelmäßige Schulungen zur Mitarbeiterführung. Goerke wohnt mit seiner Frau in Rheine, seine Kinder studieren.

Was für welchen Eingriff gezahlt wird, das wird jedes Jahr neu berechnet durch das InEK, das Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus. Rund ein Drittel aller Krankenhäuser in Deutschland sind sogenannte Kalkulationskrankenhäuser. Sie senden an jedem Jahresende ihre Daten, was sie welcher Eingriff im vergangenen Jahr tatsächlich gekostet hat, an das InEK und das berechnet einen Durchschnittswert. Nach dieser Fallpauschale werden im Folgejahr die Leistungen bezahlt. Die Berechnungsgruppen sind dabei allerdings manchmal weniger medizinisch sinnvoll als angemessen berechenbar vom technischen Aufwand her. Einbezogen werden z. B. die Dauer eines Eingriffs, wie viel Personal gebraucht wird, wie viel Material, wie lange der Patient stationär aufgenommen wird …

Das bedeutet also, für einen Kaiserschnitt statt natürlicher Geburt im Mathias-Spital Rheine bekommen Sie mehr Geld von den Krankenkassen, weil sie auch mehr Kosten haben. Sie stecken sich das Geld nicht in die eigene Tasche.

Nein. Es ist immer eine Mischkalkulation: Wenn bei uns z. B. eine natürliche Geburt im Mathias-Spital Rheine in einem Kaiserschnitt endet, dann bekommen wir nur die Fallpauschale für den Kaiserschnitt. Für die stundenlange Hebammentätigkeit im Vorfeld zahlt die Krankenkasse nichts. Da zahlen wir als Klinik also drauf. Anders sieht es dagegen aus, wenn ein geplanter Kaiserschnitt, z. B. bei einer Mehrlingsgeburt, unkompliziert nach einer Dreiviertelstunde beendet ist und die junge, gesunde Mutter drei Tage nach der Geburt im Mathias-Spital Rheine die Klinik wieder verlässt.

Dann ist es also ein finanzielles Risiko für Sie, eine Geburt im Mathias-Spital Rheine natürlich beginnen zu lassen, wenn Sie nicht 100-prozentig sicher sein können, dass kein Kaiserschnitt erforderlich wird?

Glücklichweise denken wir hier so nicht. Unsere Kaiserschnittrate liegt bei knapp 29 Prozent, also deutlich unter dem Kreisdurchschnitt. Und das obwohl wir eine Level-1-Klinik sind, die dafür qualifiziert ist, Frühgeburten ab der Lebensfähigkeit des Kindes und Risikoschwangerschaften zu betreuen. Bei uns kommen z. B. Frühchen per Kaiserschnitt zur Welt, die andere Kliniken ablehnen müssen, weil sie nicht dafür ausgestattet sind. Und in der 24. Schwangerschaftswoche ist eine natürlich Geburt oft nicht möglich. Diese Kaiserschnitte zählen natürlich mit in die Statistik.

Geburt im Mathias-Spital Rheine

In Deutschland kommen immer noch zu viele Kinder per Kaiserschnitt zur Welt (Quelle: eloisa auf pixabay).

Wie also schaffen Sie es, dass bei Ihnen Kaiserschnitte dennoch verhältnismäßig selten vorkommen?

Rechtlich gesehen hat eine Frau in Deutschland die Möglichkeit, sich für einen Kaiserschnitt zu entscheiden. Wir sind jedoch bemüht, Frauen zu einer natürlichen Geburt im Mathias-Spital Rheine zu motivieren. Dazu führen wir sehr umfassende Aufklärungsgespräche mit den Frauen, das übernehmen entweder ich oder die Leiterin unserer Geburtshilfe Dr. Christiane Fröhlich. Da sitzt also kein Assistenzarzt im zweiten Ausbildungs-Jahr.

Und was sagen Sie den Frauen?

Dass sie nicht nur an diese Geburt denken sollen, sondern auch an etwaige weitere Schwangerschaften. Mit einem Kaiserschnitt sind wie bei allen großen Bauch-OPs Risiken verbunden, auch wenn der Eingriff selbst heute sehr sicher ist. Aber die Gebärmutter hat anschließend eine Narbe. In Folgeschwangerschaften kann es dadurch eher zu Früh- oder Fehlgeburten kommen oder zu Blutungen. Und auch für das Kind ist eine natürliche Geburt besser, denn Kaiserschnittkinder haben öfter Atem- und Anpassungsprobleme. Bei der natürlichen Geburt werden Fruchtwasser und Schleim durch die Wehen aus den Lungen gepresst, das passiert bei der vermeintlich „sanften“ Kaiserschnittgeburt nicht. Deswegen warten wir selbst bei einem Kaiserschnitt oft die Wehen ab.

Wie viele Frauen, die mit dem Wunsch eines Kaiserschnittes für die Geburt im Mathias-Spital Rheine zu Ihnen ins Gespräch kommen, bleiben bei dem Wunsch, obwohl kein medizinischer Grund vorliegt?

Nach dem Gespräch entscheiden sich rund vier von fünf Frauen für die natürliche Geburt. Wir müssen hier unterscheiden: Unbegründete Ängsten z. B. vor unbekannten Schmerzen können wir den Frauen meist nehmen durch eine umfassende Aufklärung und die Vorstellung von Schmerzlinderungsmethoden. Wir entbinden aber auch Frauen mit Angststörungen, denen eine natürliche Geburt psychisch nicht möglich ist.

Geburt im Mathias-Spital Rheine

Die umfassende Aufklärung von Frauen hilft, den Wunsch nach einem Kaiserschnitt zu reduzieren (Quelle: MedicalPrudens auf pixabay).

Ein Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe braucht elf Jahre, bis er mit der Ausbildung fertig ist. Sind Ärzte bei der Geburt im Mathias-Spital Rheine dann nicht ganz wild darauf, Kaiserschnitte durchzuführen, nachdem sie jahrelang dazu ausgebildet wurden?

Nein, eine Geburt ist Hebammensache. Und erst wenn etwas pathologisch nicht normal verläuft, ist sie verpflichtet, einen Arzt hinzuzuziehen. Bei der Geburt im Mathias-Spital Rheine arbeiten wir nach den Richtlinien der ärztlich geleiteten Geburtshilfe, d. h. im Geburtsmoment ist auch immer ein Arzt anwesend. Die Hebamme dagegen ist die ganze Zeit während der Geburt dabei und betreut die Frau auch im OP beim Kaiserschnitt und nimmt das Kind entgegen. Manchmal kommt es vor, dass eine Frau aus religiösen Gründen keinen männlichen Arzt am Kreißbett haben möchte, dann wartet der draußen und kommt nur herein, wenn er gebraucht wird.

Wie das Mathias-Spital Rheine dem Hebammenmangel in Deutschland begegnet, was Dr. Kay Goerke von der Hausgeburt hält und wie es ihm bei der Geburt seiner eigenen Kinder erging, erfahrt ihr morgen im zweiten Teil des Interviews zur Geburt im Mathias-Spital Rheine.