Auch zukünftig genug Hebammen für die Geburt im Mathias-Spital Rheine

Interview mit dem Chefarzt der Frauenklinik Dr. Kay Goerke zum Verhältnis Arzt/Hebamme, Kaiserschnitt/natürliche Geburt und Arzt-/Vaterrolle Teil II

Bild: Eine glückliche Geburt nach ihren Vorstellungen wünschen sich alle Eltern (Quelle: igrow auf pixabay).

Im ersten Teil des Interviews hat Dr. Kay Goerke erklärt, warum Kaiserschnitte entgegen landläufiger Vorstellungen keine Klinik reich machen, dass Geburten Hebammensache sind und warum er die natürliche Geburt fördert. Hier folgt Teil II zur Geburt im Mathias-Spital mit dem Chefarzt der Frauenklinik:

In einigen Regionen Deutschlands denken einige Kliniken aufgrund des Hebammenmangels über Öffnungszeiten für den Kreißsaal nach. Wer nach 17 Uhr kommt, muss wieder gehen – oder so ähnlich. Was passiert mit der Geburt im Mathias-Spital Rheine, wenn uns die Hebammen ausgehen?

Öffnungszeiten für Kreißsäle sind natürlich nicht umsetzbar, besonders da Kinder meist nachts geboren werden. Ohne Hebammen wäre es schwierig, denn ihre Anwesenheit bei der Geburt ist gesetzlich vorgeschrieben. Im Mathias-Spital haben wir eine Mischung aus angestellten Hebammen und freiberuflich arbeitenden Beleghebammen, sodass wir das notwendige Personal problemlos abdecken. Damit das so bleibt, bauen wir in Rheine eine Hebammenschule auf, da diese in Münster aufgegeben wurde. Am 1. April startet der erste Ausbildungsjahrgang mit 15 Auszubildenden. Die Ausbildung dauert drei Jahre und kann alle anderthalb Jahre begonnen werden. Dank der Kooperation mit den Geburtskliniken in Ibbenbüren und Coesfeld und wahrscheinlich auch der Uniklinik Münster haben wir dann auch genug Plätze für die praktische Ausbildung.

Geburt im Mathias-Spital Rheine

Zur Beleghebamme entsteht schon während der Schwangerschaft Vertrauen (Quelle: SaraJobling auf pixabay).

Wo sehen Sie als Arzt denn den Wert der Hebamme bei der Geburt im Mathias-Spital Rheine? Sie sind ja auch durchaus in der Lage, eine Frau zu entbinden, Sie brauchen ja theoretisch keinen fachlichen Beistand einer Hebamme.

Die Hebamme hat deutlich mehr Zeit für die Frau, denn der Stellenschlüssel ist hier sehr viel besser als die Anzahl der Ärzte pro Gebärende. Während der Zeit, die die Hebamme mit der Frau verbringt, entwickelt sie ein gutes Gefühl für die Wünsche und den Willen der Frau. Sie ist die direkte Ansprechpartnerin und kann viel individueller betreuen als ein Arzt. Durch unsere Beleghebammen für die Geburt im Mathias-Spital Rheine verbessert sich dieses Einfühlungsvermögen noch mal, denn sie kennen die Frau ja schon aus der Schwangerschaft und haben Vertrauen geschaffen.

Wie gestaltet sich denn die Zusammenarbeit bei der Geburt im Mathias-Spital zwischen angestellten und Beleghebammen? Gibt’s da Konkurrenzgefühle?

Nein, bei uns ist das Verhältnis sehr kollegial, auch zwischen Ärzten und Hebammen. Viele Hebammen, die heute freiberuflich arbeiten, waren früher bei uns angestellt, sie kennen also beide Seiten. Und als wir während der Grippewelle nachts zu wenige Hebammen hatten, sind die Beleghebammen eingesprungen und haben Geburten übernommen. Wir fördern das Miteinander auch durch regelmäßige Teamtreffen oder gemeinsame Fortbildungen.

Sie selbst haben zwei Kinder. Wie war das für Sie bei ihrer Geburt, als Sie plötzlich in der Rolle des werdenden Vaters waren statt in der des Arztes und die Hebamme das Sagen hatte?

Als meine Kinder geboren wurden, war ich noch Assistenzarzt. Da muss man sich völlig zurücknehmen. Das ist aber auch eine Frage der eigenen Einstellung. Ich habe meine Frau nie selbst entbunden, weil ich emotional zu stark gebunden war und mir nicht zugetraut habe, objektiv zu entscheiden. Ich habe auch nie verstanden, wie Kollegen ihre eigenen Frauen entbinden können. Ich würde meine Frau auch nicht operieren, wenn es zu einer OP käme.

Also waren Sie bei der Geburt Ihrer Kinder ganz normal Vater?

Ja, ich musste genauso wie alle anderen werdenden Väter auf die Hebamme und den anwesenden Arzt vertrauen. Aber es ist schon schwierig, weil man als Vater nie so viel helfen kann, wie man will, da fühlt man sich machtlos. Und ich habe beide Geburtsarten erlebt: Mein Sohn war zu groß und wurde per Kaiserschnitt entbunden, meine Tochter kam dann auf natürlichem Weg zur Welt.

Geburt im Mathias-Spital Rheine

Dr. Kay Goerke hat in 20 Jahren Geburtshilfe rund 15.000 Kinder selbst entbunden – seine beiden eigenen waren nicht darunter. Die sind heute 22 und 25 Jahre alt. Seit Juli 2013 leitet Goerke die Frauenklinik am Mathias-Spital in Rheine. Nach seiner Facharztausbildung in der Frauenheilkunde und Geburtshilfe hat er eine dreijährige fakultative Weiterbildung in der speziellen Geburtshilfe und Perinatalmedizin absolviert. Insgesamt hat er damit 14 Jahre Ausbildung hinter sich seit Studienbeginn. Dazu kommen regelmäßige Schulungen zur Mitarbeiterführung. Goerke wohnt mit seiner Frau in Rheine, seine Kinder studieren.

Frauen haben per Gesetz die freie Wahl, wo und wie sie ihre Kinder zur Welt bringen möchten, besitzen aber weder die medizinische Kompetenz eines Arztes oder die einer Hebamme. Was halten Sie von der Hausgeburt?

Ich halte sie für unverantwortlich. Wir kennen die Zahlen aus Holland, wo sehr viel zuhause entbunden wird. Dort ist die Kinder- und Müttersterblichkeit wesentlich höher als bei einer Geburt im Mathias-Spital Rheine. Es verabreden sich auch dort nur junge, gesunde Frauen mit einer unproblematischen Schwangerschaft zur Hausgeburt und dennoch enden 17 bis 25 Prozent im Krankenhaus. Diese abgebrochenen Geburten zählen jedoch oft nicht in die Statistiken der Hebammen, sie zählen nur die Fälle, in denen das Kind zuhause geboren wird. Das finde ich unfair. Und wenn das Krankenhaus notwendig wird und dann aber zu weit weg ist, kann das Kind durch Sauerstoffmangel während der Geburt einen schweren Hirnschaden erleiden. Wir bieten die ambulante Geburt am Mathias-Spital Rheine an, nach der Mutter und Kind nach der Geburt sofort wieder nach Hause gehen, und wir haben auch keine festen Regeln, wann eine Wöchnerin das Krankenhaus verlassen darf.

Herr Dr. Goerke, vielen Dank für dieses ausführliche Interview! Was ist Ihr Fazit für die Zukunft des Verhältnisses von Arzt und Hebamme?

Hebammen und Ärzte müssen gut Hand in Hand arbeiten – im Interesse von Frau und Kind. Das bedeutet auch, dass die Hebamme mit vielen Jahren Berufserfahrung die Entscheidung trifft, ob der Oberarzt gerufen werden sollte. Das entscheidet nicht der Assistenzarzt im ersten Ausbildungs-Jahr, der gerade bei der Geburt im Mathias-Spital dabei ist. Es ist wichtig, dass die Zusammenarbeit zwischen Arzt und Hebamme auf Augenhöhe geschieht und keine Ängste oder Mauern aufgebaut werden.

Was waren eure Erfahrungen mit der Geburt eurer Kinder im Mathias-Spital? Ich bin gespannt!