Haustier mit Kindern?

Interview mit Tierpsychologin aus Rheine

Bild: Hunde lieben es, mit ihren Haltern zu spielen. © Daniela Künnemann

In vielen Familien mit Kindern gibt es auch ein Haustier oder sogar mehrere. Ist noch kein Tier da, wünscht sich fast jedes Kind irgendwann mal eins. Doch auch Familien ohne eigenes Tier begegnen mit ihren Kindern den Haustieren anderer Menschen auf der Straße – meist sind das dann Hunde. Kinder und Haustiere – wie passt das zusammen? Worauf sollte man achten – egal ob bei fremden oder eigenen Tieren. Mit diesen Fragen bin ich zu Daniela Künnemann gegangen, sie ist Tierpsychologin (ATN), Tierheilpraktikerin für Tierhomöopathie (ATN) und Hundegesundheitstrainerin (ATM) in Rheine. Im Interview gibt sie manch hilfreichen Tipp – auch für Gefahrensituationen bei einem Haustier mit Kindern.

Haustier mit Kindern

Daniela Künnemann hat ihr Unternehmen „Tierwuensche“ in Rheine. © Daniela Künnemann

Daniela, fast jedes Kind wünscht sich ja ein Haustier. Was sollten Eltern beachten, bevor sie ein Haustier mit Kindern anschaffen?

Eltern sollte klar sein, dass die Verantwortung für das Tier und seine Erziehung nicht beim Kind liegen. Außerdem sollten sie die Wohnsituation beachten: Ein großer Hund in einer kleinen Stadtwohnung, das ist nicht optimal. Und auch der Charakter des Kindes ist wichtig: Manches kommt mit einem Aquarium besser zurecht als mit einem Kaninchen. Die werden übrigens auch immer wieder unterschätzt: Auch Kaninchen brauchen Auslauf, und nicht nur zwei Minuten am Tag, und sollten immer mindestens zu zweit angeschafft werden.

Wo informiere ich mich denn am besten im Vorfeld zum Thema Haustier mit Kindern?

Im Internet gibt es gute Seiten und je nach Tierart kann ich den Tierschutzverein fragen, den Tierarzt, den Zoofachhandel, Menschen wie mich oder eben auch Kleintierexperten.

Gibt es typische Fehler, die Haustierbesitzer bei der Wahl des Haustiers machen?

Viele machen sich nicht genug Gedanken darum, was mit dem Tier passiert, wenn sie in den Urlaub fahren. Und wenn sie zur Miete wohnen, sollten sie zuvor sichergehen, dass der Mietvertrag das Haustier erlaubt. Außerdem kommt es auf den Charakter des Kindes an: Er sollte beim Hund z. B. zur Rasse passen, damit das Kind nicht überfordert wird. Ein ruhiger Berner Sennenhund ist etwas anderes als ein Husky.

Was sollten Eltern beachten, die mit haustier-unerfahrenen Kindern jemanden besuchen, der einen Hund hält?

Erst mal ist der Besitzer des Hundes gefragt: Er sollte den Hund bei sich behalten, und wenn er die Kontrolle nicht hat, auch die Leine anlegen. Außerdem sollte er den Hund viel loben, wenn er sich dem Kind gegenüber freundlich und auch interessiert verhält. Das Kind andersherum sollte nicht einfach auf den Hund zurennen und respektieren, dass es Dinge gibt, die dem Hund gehören. Spielzeug, Napf und Hundekorb oder -decke sind tabu. Das Kind sollte nur Kontakt mit dem Hund aufnehmen, wenn der Hund das möchte. Kinder können sehr grob sein. Und wenn man die Signale des Hundes dann nicht versteht, kann es ihm schnell zu viel werden.

Haustier mit Kindern

Nicht immer ist wildes Verhalten bei Hunden direkt aggressiv zu verstehen. © Daniela Künnemann

Was für Signale könnten das sein?

Wenn ein Hund sich die Schnauze leckt, schmatzt oder wegschaut, sollte man das als Beschwichtigungssignale deuten: Der Hund will nicht mehr.

Eltern begegnen mit ihren Kindern immer wieder Hunden auf der Straße. Welches Verhalten sollten Eltern ihren Kindern beibringen für diesen Fall?

Kinder sollten fremde Hunde niemals anfassen und Eltern ihre Kinder entsprechend nicht zu fremden Hunden hinrennen lassen. Als ich neulich mit einer Freundin und ihrer Hündin im Stadtpark war, habe ich aber auch die umgekehrte Situation erlebt: Eine Mutter ging mit ihrem Kind an uns vorbei und sagte: „Pass auf, der Hund beißt!“, obwohl die Hündin meiner Freundin sich völlig ruhig verhielt.

Panik machen sollte man Kindern also auch nicht, denn das sind oft die Kinder, die vor Hunden schreiend wegrennen und der Hund hinterher – dadurch wird meistens ein Jagdverhalten ausgelöst. Das Mittelmaß ist gut: den Besitzer fragen: „Darf mein Kind den Hund mal streicheln?“ Und der Besitzer weiß in der Regel, ob sein Hund mit der Situation zurechtkommt oder nicht. Wichtig: Wenn der Hund weggeht, dann nicht hinterhergehen.

Ich bin auf einer Wiese, mein Kind pflückt Blumen, da kommt ein fremder Hund auf es zugerannt, der mutmaßliche Besitzer ist noch zweihundert Meter entfernt. Wie reagiere ich am besten?

Es kommt immer auf den Hund und die Körpersprache an, das ist also definitiv nicht zu verallgemeinern! Bei Hunden, die eine Mischung aus offensiv-defensivem Verhalten zeigen, kann man sich umdrehen und sich dem Hund entgegenstellen bzw. ihm entgegenlaufen, sich also selbst offensiv verhalten. Was manchmal auch eine Möglichkeit ist, ist, etwas für den Hund Essbares wegzuwerfen, das der Hund dann sucht. So kann meistens ein wenig Abstand und Zeit gewonnen werden, um sich in Ruhe zu entfernen.

Hunde, die eher offensiv ankommen, könnten dagegen auf offensives Verhalten des Menschen negativ reagieren, daher sollte man besser beschwichtigendes Verhalten zeigen: stehenbleiben, keine schnellen Bewegungen, keine steifen Bewegungen, Hund nur kurz anschauen und wieder wegsehen. Anstarren wäre eine Drohgebärde aus Hundesicht! Im Zweifelsfalle sollte man sich besser so verhalten, anstatt selbst offensiv aufzutreten. Wegrennen ist die schlechteste Variante, denn sie kann das Jagdverhalten auslösen. Ebenso sollte man abwehrende Maßnahmen unterlassen wie Schreien, Treten oder Schlagen.

Haustier mit Kindern

Hunde mögen es, wenn sie Aufgaben bekommen – z. B. die Leine zu holen. © Daniela Künnemann

Oft genug landen Tiere im Tierheim, weil sie das Kind der Familie oder eines Besuchers gebissen haben. Zuvor jedoch war das Tier immer friedlich. Was kann dahinterstecken?

Das kann passieren, wenn Menschen nie beobachten, wann es einem Hund zu viel wird. Eltern sollten Kindern z. B. beibringen, nicht auf dem Hund herumzuturnen oder sich in seinen Korb zu legen. Neulich habe ich ein Video gesehen, wie ein Kind einen Hund umarmt und man denkt, gleich schnappt er über, so gestresst wirkt er. Ein Hund beißt im Normalfall nie plötzlich zu, sondern gibt vorher z. B. Signale der Überforderung.

Wenn er tatsächlich sehr unerwartet ein ungewohntes Verhalten zeigt, kann das auch mit Schmerzen zusammenhängen: Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Zahnschmerzen … Wenn man sich das Verhalten nicht aus der Situation erklären kann, sollte man prüfen, ob das Tier gesund ist. Es lässt sich normalerweise, am bestem vom Experten, z. B. beim Abtasten des Körpers durch die Reaktion des Tieres auf Berührungen an bestimmten Stellen herausfinden, ob Schmerzen die Ursache sind. Auf jeden Fall sollte man versuchen, den Grund für die Reaktion zu finden, denn es gibt immer einen. Ein Hund überlegt sich nicht einfach: Heute beiße ich mal zu.

Manchmal sehen sich Haustiere und Besitzer erstaunlich ähnlich, z. B. haben Hund und Herrchen dieselbe Frisur. Ist das eine Täuschung oder ähneln sich Tiere und Menschen, die zusammenleben tatsächlich?

Tatsächlich übernehmen Tiere oft sogar das Verhalten ihrer Halter, auch das Fehlverhalten: Schnell aufbrausende Menschen beispielsweise übertragen häufig dieses Verhalten auf den Hund, wodurch sich vieles dann verselbstständigt und der Hund dieses Verhalten als letztendlich eigentlich unerwünschtes Verhalten übernimmt. Mit Training und Aufgaben lässt sich häufig das Verhalten in die richtigen Bahnen lenken – dabei ist der Besitzer immer eingebunden: Bekommt der Hund eine Geduldaufgabe, muss auch der Besitzer geduldig sein.

Auch haben Besitzer und Tier oft die gleichen gesundheitlichen Probleme, sie sind das Spiegelbild des jeweils anderen.

Ruhige Menschen haben allerdings auch oft ruhige Hunde, aber wenn ein ruhiger Mensch einen hektischen Hund hat, kann seine Ruhe sich auch aufs Tier übertragen. Umgekehrt knüpfen zurückhaltende Menschen leichter Kontakte, wenn sie einen Hund haben, der der aufgeschlossen und freundlich auf andere Menschen und Hunde zugeht.

Haustier mit Kindern

Hundehalter sind in der Verantwortung, ihr Tier vor stürmischen Übergriffen durch Kinder zu bewahren. © Daniela Künnemann

Dein Unternehmen heißt Tierwuensche. Was wünschen sich Tiere denn von uns Menschen?

Sicherlich am meisten dass ihre Bedürfnisse gedeckt werden: Futter, Wasser, Zuneigung, Beschäftigung, Bewegung, Pflege, Erziehung. Unsere Katzen hören z. B. auf uns und können kleine Kunststücke. Und Hunde wollen auch nicht die Weltherrschaft, sondern meistens wirklich den Menschen gefallen. Sie können gut mit konsequenten und selbstverständlich artgerechten Grenzen umgehen und sind meistens auch dankbar für geregelte Strukturen.

Denn mit ständigen Wechseln (z. B. heute ist das Sofa okay, morgen aber nicht), macht man als Mensch den Hund sicherlich nicht glücklich, sondern irritiert ihn nur. Das ist bei Kindern nichts anderes. Zusätzlich braucht man Geduld und sollte nicht erwarten, dass von heute auf morgen alles gut klappt. Über geeignetes Spielzeug und z. B. Tricks und Suchspiele freuen sich die meisten Hunde, aber auch viele Katzen. Ähnlich wie in der Kindererziehung kann man auch beim Tier mal Fünfe gerade sein lassen.

Haustier mit Kindern

Ein Haustier sollte zum Charakter seiner Familie passen, damit eine Partnerschaft entsteht. © Daniela Künnemann

Klingt, als wenn ein Hund wie ein älteres Geschwisterkind ist, wenn man ein Kind bekommt.

So ein bisschen kann man das vergleichen: Auch ein Hund kann ein Verhalten entwickeln, das als Eifersucht gedeutet wird in Bezug auf das neue Familienmitglied. Wenn das Kind da ist, sollte man ihm daher auch weiterhin Beachtung schenken, ihn zurückzustoßen, ist absolut nicht zu empfehlen.

Statt ihn für als Eifersucht gedeutetes Verhalten zu bestrafen oder ihn weiter zu ignorieren, sollte man gute Alternativen finden, wie z. B. viel Beachtung schenken, wenn das Kind in der Nähe ist, ein tolles Spielzeug zur Beschäftigung reichen, wenn man mal weniger Zeit hat für den Hund – z. B. einen befüllten Kong. Auch die Einbeziehung des Hundes in bestimmte Tätigkeiten kann sowohl Mensch als auch Hund helfen. Kann der Hund beispielsweise apportieren, darf er gerne ein Kleidungsstück des Kindes bringen beim Anziehen oder die Schmutzwäsche in den Wäschekorb legen.

Was sagst du zu der Situation: Baby allein mit Tier im Zimmer?

Das sollte man vermeiden. Vor allem sollte das Kind nicht unbeobachtet auf dem Boden liegen, es sind immer noch Tiere. Auch eine Katze kann sich einfach auf das Kind drauflegen, ohne ihm schaden zu wollen, aber es dadurch ersticken. Wenn man mal auf die Toilette muss, kann man den Hund mit aus dem Zimmer nehmen statt das Kind. Dann kann es in Ruhe im Wohnzimmer weiterschlafen.

Hier findet ihr ein Video, das die wichtigsten Eckdaten für die Anschaffung eines Haustiers mit Kindern nennt.

Seit ich ein Kind habe, verstehe ich mich mit Hundebesitzern sehr gut: Wir haben irgendwie dieselben Themen. Eignen sich Tiere als Kindersatz?

Solange man sich bewusst ist, dass es ein Tier ist, schadet es dem Tier nicht. Vermenschlichung ist bis zu einem gewissen Grad in Ordnung, solange das Tier dabei Tier sein darf. Die Bedürfnisse sind also die eines Tieres, nicht die eines Kindes. Ein Tier ist für die meisten ein Familienmitglied, für uns natürlich auch. Selbstverständlich versucht man daher alles, für das Familienmitglied zu tun.

Haustier mit Kindern

Auch Katzen können lernen, auf ihre Halter zu hören. © Daniela Künnemann

Du bist Tierpsychologin – wie therapierst du denn? Kannst du mit Tieren kommunizieren wie der Pferdeflüsterer?

Klar kommuniziert man mit einem Tier, das macht aber jeder Mensch automatisch und oft unbewusst, z. B. durch die eigene Körpersprache, nicht nur durch Worte. Das beeinflusst zumeist das Verhalten des Tieres: Dementsprechend kann man das Verhalten also auch z. B. durch Körpersprache lenken und dem Tier über Belohnung zeigen, dass es richtig ist, was es gerade macht. „Flüstern“ ist die reine menschliche Bezeichnung dafür, vor allem durch den Film „Der Pferdeflüsterer“. Ich finde es eher unglücklich gewählt.

Auch Vertrauen, Respekt und Verständnis spielen eine große Rolle. Meine Arbeit ist vor allem, die Menschen und das Tier zu beobachten, z. B. ihre Kommunikation miteinander, die Umgebung des Tieres zu sehen, die mögliche Vorgeschichte zu erfahren, das Verhalten des Tieres einzuordnen und dem Besitzer verständlich zu erklären. Durch gezieltes Training werden dann die besprochenen Dinge umgesetzt, um Mensch und Tier als Team zu helfen.

Was sind denn häufige Themen?

Bei Katzen ist Unsauberkeit häufig ein Problem, was sich aber oft sogar recht einfach lösen lässt, obwohl das viele Menschen gar nicht glauben wollen. Gründe und Ursachen als Auslöser gibt es viele, manchmal liegen diese sogar ganz klar auf der Hand: Katzen mögen es z. B. gar nicht, wenn das Katzenklo neben dem Futternapf steht, ich gehe ja auch nicht in der Küche aufs Klo. Die Toilettensituation macht sie unzufrieden, also machen sie woanders.

Haustier mit Kindern

Auch Katzen kann man Kunststückchen beibringen. © Daniela Künnemann

Manchmal kann auch eine merkwürdige Körperhaltung ein Hinweis sein; neulich hatte ich eine unsaubere Katze, deren Schwanz die ganze Zeit nach links zeigte. Das kann mal eine reine blöde Angewohnheit sein, aber häufig eben auch auf gesundheitliche Beschwerden und Schmerzen hindeuten, was dann als Folge oft auch Unsauberkeit nach sich zieht.

Manche Tiere haben auch Probleme mit dem Alleinsein, dann frage ich, wie der Alltag aussieht, wie lange und wie oft das Tier alleine ist, was genau es dann macht, wo es sich aufhält usw. Manchmal sind kleinste Details tatsächlich von großer Bedeutung.

Manche Tiere sind überbeschäftigt und kommen kaum zur Ruhe. Andere zeigen aus reiner Langeweile unerwünschtes Verhalten. Angst ist ebenfalls bei Hunden und Katzen ein sehr häufig angesprochenes Verhalten, ebenso wie aggressiv wirkendes Verhalten.

Daniela, danke für deine Antworten zum Thema Haustier mit Kind! Hört sich an, als könnten Eltern und Tierbesitzer tatsächlich voneinander lernen!

(Daniela Künnemann hatte bereits als Kind Tiere und kümmert sich heute um zwei Katzen, eine Hündin und ein Pferd. Seit sie Mutter ist, kennt sie das Thema Haustier mit Kind auch in den eigenen vier Wänden.)