Keine Kinder sind auch keine Lösung

Rezension des Buches der „Juramama“ Nina Katrin Straßner

Auf der Elternblogger-Konferenz in Münster habe ich Nina Straßner kennengelernt: Mutter, Anwältin für Arbeitsrecht und Bloggerin. Sie hatte für diesen Monat ihr Buch angekündigt und ich habe es mir sofort geholt: Das beste Geschenk, das ich mir seit Langem selbst gemacht habe! „Keine Kinder sind auch keine Lösung. Schützenhilfe von der Juramama“ ist eine Kampfansage an alle, die uns Eltern heute verächtlich zurufen: „Stellt euch doch nicht so an!“ Zum Lachen, zum Heulen – und immer anschaulich und lebensnah.

Bissiger Humor, Ironie, Sprachwitz – und juristische Fakten

In den ersten Kapiteln beleuchtet Nina das Leben mit Kind und das Leben als Eltern, wie wir alle es kennen. Auf jeder Seite ist zu spüren, wie viel Wut sich in all den Jahren bei ihr angesammelt hat, die sich aber nie entladen darf: aus Anstand, aus beruflicher Professionalität oder weil sie den Kindern ein Vorbild sein möchte. Diese Wut verpackt sie in einen herrlichen Humor mit manchmal beißender Ironie und Sprachwitz – liest sich richtig, richtig gut!

Keine Kinder sind auch keine Lösung

Quelle: ErikaWittlieb auf pixabay

Und natürlich geht es nicht nur ums Aufregen und Dampfablassen: Immer wieder gibt Nina uns Eltern die notwendigen juristischen Einschätzungen an die Hand, um unserem diffusen „Das kann doch nicht sein!?“ und „Das können die doch nicht machen?!“ ein belastbares Fundament zu geben. Dabei schont sie niemanden: Arbeitgeber, Staat, Gesetz, Politik, angebliche „Neuer-Papa-Promis“, Medien, Werbung, Geburtskliniken, Krankenkassen, Kinderwunsch-Medizin, Eltern-Foren, Unternehmen und unsere Mit(?)-Menschen von nebenan.

Achterbahnfahrt der Gedanken – messerscharfe Schlüsse

Manchmal beginnt ein Kapitel ganz anders, als ich erwarte, dass es weitergeht (oder so), aber gerade die manchmal etwas abenteuerlichen Gedankengänge machen den Drive des Buches aus: als ob ich in einer Achterbahn sitze und nicht sehe, was hinter der nächsten Kurve kommt. Am Ende jedes Kapitels sitze ich atemlos da und kann mich nicht entscheiden, ob man es gleich noch mal lesen möchte oder mich sofort ins nächste stürze.

Keine Kinder sind auch keine Lösung

Quelle: helpsg

Als ich „Regretting Fatherhood“ gelesen hatte, dachte ich: Das ist mein Lieblingskapitel. Nina beschreibt darin, warum Frauen nur aufgrund der Tatsache, dass sie eine Gebärmutter besitzen, bereits Arbeitnehmer zweiter Wahl sind – egal, ob sie ihr Gebär-Organ irgendwann gebrauchen oder nicht. Und sie entlarvt die nicht hinnehmbaren Verhältnisse, an die wir uns alle bereits so sehr gewöhnt haben, dass wir sie oft als normal hinnehmen, indem sie einen Mann in die Rolle „Mama“ steckt und sein Leben beispielhaft durchexerziert – bis zum Scheitern.

Politisch, kämpferisch – für ein Miteinander der Generationen

Dann jedoch kam das Kapitel „Ene mene muh, Müllers Esel, der bist … du?“ und ich hätte vor Freude heulen und wutschnauben können zugleich. Vor Freude heulen, weil das Kapitel in Worte fasst, was bei mir ganz oft unbestimmt im Bauch rumrumort und es bisher immer nur so halbklar auf die verbale Ebene schaffte: Juhu, ich bin nicht allein! Vor Wut schnauben wollte ich, weil es also offenbar kein Wahrnehmungsfehler meinerseits ist, sondern unser Land tatsächlich so funktioniert seit übe 60 Jahren. Oder eben bald auch nicht mehr. In diesem Kapitel legt Nina nämlich offen, warum es finanzieller Selbstmord ist, Kinder zu bekommen. Und warum dennoch Familien die einzigen Gesellschaftsmitglieder sind, die diese Gesellschaft voranbringen – und dafür von allen Seiten verar***t werden.

Keine Kinder sind auch keine Lösung

Quelle: sathyatripodi auf pixabay

Doch sie bleibt nicht stehen beim Anprangern, sondern liefert politische Ideen, mit denen die Situation von Familien verbessert werden könnte. Dabei handelt es sich nicht um abgehobene und utopische Forderungen, sondern um Regelungen, die entweder schon bei uns existieren, nur nicht konsequent, oder in anderen europäischen Ländern selbstverständlich sind. Zwischendurch war ich etwas stolz, auf dieselbe Idee auch schon gekommen zu sein. Nina, wenn du mal eine Partei gründest: Ich bin dabei!

Eltern, ihr sitzt alle im selben Boot – rudert in dieselbe Richtung!

Dieses Buch macht deutlich, warum wir unsere Kinder so sehr lieben, dass es wehtut – und dennoch manchmal verfluchen, dass wir sie bekommen haben. Nicht wegen der Kinder und der Dinge, mit denen sie uns manchmal auf die Palme bringen. Sondern wegen der Gesellschaft, in die hinein zu gebären wir gezwungen sind.

Keine Kinder sind auch keine Lösung

Quelle: Pexels auf pixabay

Nina hat außerdem eine Botschaft, die ich sehr wichtig finde: Eltern, hört auf mit den kleinlichen Grabenkämpfen à la „selbstgekochter Brei aus Biogemüse“ vs. „Fertiggläschen“ und schließt euch zusammen für den wirklich lohnenden Kampf: für eine Gesellschaft, die euch nicht dafür bestraft, dass ihr Kinder habt, sondern euch ernsthaft für die Mühen entlastet, unter denen ihr unser aller Zukunft großzieht.

Ein Buch für Eltern und vor allem für die Eltern von Eltern

Ich hab überlegt, ob ich Stellen zitiere. Ich kann mich nicht entscheiden welche. Lest das Buch selbst. Ganz. Leseprobe gibt’s hier. Bestellt am besten gleich ein paar mehr und gebt sie euren Eltern zu lesen, und die sollen sie an ihre Freunde und Bekannte weitergeben. Denn die meisten Wählerstimmen haben die Generationen unserer Eltern und Großeltern: Sie wählen unsere Zukunft und die unserer Kinder, ihrer Enkel und Urenkel – ob sie sich das zwischendurch auch mal bewusst machen?

Danke, Nina, dass du dir die Arbeit gemacht hast, dieses Buch zu schreiben. Neben allem anderen. Respekt.