Hilfe, mein Kind muss operiert werden!

Interview mit Dr. Markus Lange, zweifacher Vater und Chefarzt der Anästhesie am Mathias-Spital Rheine

Bild: Eine Operation am Kind ist für die Eltern meist eine schlimmere Vorstellung als für das Kind selbst. (Quelle: marionbrun auf pixabay)

Ein Gesicht auf den aufgepusteten OP-Handschuh zu malen, ist kein Problem – ihn zuzuknoten schon. Dann endlich hat Dr. Markus Lange es fertig, das Ablenkungsmanöver für Kinder vor einer Operation. So einfach kann es sein bei den Kindern, bei uns Eltern ist es mit dem Beruhigen schon schwieriger, denn eine unserer Horrorvorstellungen ist, wenn unser Kind operiert werden muss. Auch Dr. Langes Kinder, heute 8 und 10 Jahre alt, wurden schon operiert.

Dr. Markus Lange oder jemand aus seinem Team sind die ganze Operation über beim Patienten.

Dr. Markus Lange oder jemand aus seinem Team sind die ganze Operation über beim Patienten.

Herr Dr. Lange, Sie und Ihr Team sind verantwortlich für die Narkose während der Operation und daher auch die ganze Zeit im OP anwesend. Sie überwachen den Betäubungszustand des Patienten und seine Lebensfunktionen. Wie viele Kinder werden denn im Mathias-Spital jährlich operiert?

2015 waren es 359 Kinder bis zum vollendeten fünften Lebensjahr. Und wahrscheinlich noch mal ungefähr so viele im Alter zwischen 6 und 14 Jahren.

Wann treffen Eltern das erste Mal auf Sie oder den zuständigen Anästhesisten?

In der Regel am Vortag vor der OP, bei einer ambulanten OP manchmal auch deutlich früher, das hängt von der Erkrankung und von der geplanten Operation ab. In Notfällen sprechen wir unmittelbar vor der OP mit den Eltern. Das heißt, wir sprechen natürlich nicht nur mit den Eltern, sondern angepasst an das Alter auch immer mit dem Kind selbst. Auch kleinen Kindern kann man in einfachen Worten erklären, was mit ihm passieren wird.

Auch Kindern kann man erklären, was mit Ihnen vor, während und nach der OP passiert. Bunte Mützen helfen, einen positiven Kontakt herzustellen.

Auch Kindern kann man erklären, was mit Ihnen vor, während und nach der OP passiert. Bunte Mützen helfen, einen positiven Kontakt herzustellen. (Quelle: skeeze auf pixabay)

Womit haben Kinder in Bezug auf eine Operation denn Probleme?

Erstens haben sie Angst, dass etwas mit ihnen passiert, das weh tut. Und zweitens fürchten sie die Trennung von ihren Eltern – mehr oder weniger, das ist auch altersabhängig.

Was erzählen Sie den Kindern, die Angst haben vor Schmerzen?

Einem wachen Kind mit einer geplanten Narkose bieten wir an, dass es nicht gepiekst werden muss. Dann sagen wir: „Guck hier, du bekommst diese coole Pilotenmaske auf, die kannst du auch selbst festhalten und dann schläfst du ein. Und erst wenn du eingeschlafen bist, pieksen wir dich – das merkst du dann aber nicht mehr.“ Das ist dann die inhalative Narkose-Einleitung.

Eine Creme beträubt die Einstichstelle, dann spürt das Kind den Nadeleinstich gar nicht.

Eine Creme beträubt die Einstichstelle, dann spürt das Kind den Nadeleinstich gar nicht. (Quelle: dfuhlert auf pixabay)

Wenn das Kind im Notfall herkommt und z. B. nicht nüchtern ist, sodass wir nicht mit der Inhalation arbeiten können, dann können wir eine Creme auf die Stelle aufragen, wo es gepiekst wird, dann merkt es den Pieks nicht so. Schlimm ist ja auch gar nichts das Pieksen, sondern die Angst davor. Und wenn man auf diese Angst eingeht, machen die Kinder auch gut mit.

Und wie begegnen Sie der Trennungsangst?

Indem die Eltern so lange wie möglich beim Kind bleiben. Wenn es dann unmittelbar in die OP-Vorbereitung geht und das Kind seine Eltern zurücklässt, lenken wir es ab. Kleinen Kindern geben wir irgendwas in die Hand, mit dem sie sich beschäftigen können, z. B. eben einen bemalten Handschuh. Größere Kinder können bei uns iPod hören oder einen Film gucken – dann steht die Trennung nicht so im Vordergrund.

Können ängstliche Kinder auch mit Medikamenten beruhigt werden?

Ja, das machen wir natürlich auch: Je nach Alter bekommen sie in der Prämedikation ab dem Altern von einem halben Jahr entweder in Tabletten- oder Saftform etwas, das sie gelassen und ruhig macht. Die Kinder sind meist entspannter als die Eltern vor einer Operation. Und bisher haben wir noch zu jedem Kind einen Draht gefunden. Dafür achten wir darauf, dass bei der Operation nach Möglichkeit jemand anwesend ist, den das Kind schon vom Vorgespräch kennt.

Der Klassiker: Ein Handschuhgesicht lenkt kleine Kinder ab vor der OP.

Der Klassiker: Ein Handschuhgesicht lenkt kleine Kinder ab vor der OP.

Was machen Sie denn mit Kindern, die keine Vollnarkose bekommen?

Bei Kindern machen wir eigentlich keine Teilnarkosen, denn es ist für das Kind medizinisch gesehen nicht besser. Dagegen ist es aber beängstigend für das Kind, wach im OP zu liegen. Deswegen verwenden wir bei Kindern immer eine Vollnarkose. Wichtig ist uns auch immer, dass das Kind nach der OP so schmerzfrei wie möglich ist.

Wie erreichen Sie das?

Typische Eingriffe bei Kindern sind HNO-Operationen wegen der Mandeln, Nasenpolypen oder Paukenröhrchen. Und dann sind da außerdem der Leistenbruch, eine Blinddarm-OP, eine urologische Operation oder selten auch mal eine gynäkologische bei einem Mädchen, also wird immer unterhalb des Nabels operiert. Hier machen wir zusätzlich zur Vollnarkose eine Kaudalanästhesie, indem wir ein lokales Betäubungsmittel in kleinen Mengen spritzen. Das ist ein sehr sicheres Verfahren, weil die Spritze auch noch weit genug entfernt vom Rückenmark eingesetzt wird – und zwar, wenn das Kind schon schläft. Durch dieses Verfahren sind die Kinder viele Stunden schmerzfrei. Danach arbeiten wir mit Zäpfchen und Tabletten, die Eltern auch von zu Hause kennen. Bei allen anderen Eingriffen gibt es sehr gut geeignete Schmerzmittel intravenös, sodass kein Kind Schmerzen leiden muss.

Als Urologe hat Dr. Christian Eggersmann (l.) oft mit Kinder-Operationen zu tun.

Als Urologe hat Dr. Christian Eggersmann (l.) oft mit Kinder-Operationen zu tun.

Was ist mit Kindern, die hinterher auf die Intensivstation müssen? Können die Eltern dorthin mitkommen?

Die Eltern können grundsätzlich immer beim Kind bleiben: Unsere Mutter-Kind-Zimmer sind mit Überwachungsmonitoren ausgestattet, sodass die Kinder nach der Operation nicht auf die Intensivstation müssen. Ausgenommen sind die Neu- und Frühgeborenen. Für diese Fälle bieten wir Elternzimmer an.

Auf der Früh- und Neugeborenen-Intensivstation am Mathias-Spital werden die ganz kleinen Patienten von Dr. Hans-Georg Hoffmann (r.) und seinem Team betreut.

Auf der Früh- und Neugeborenen-Intensivstation am Mathias-Spital werden die ganz kleinen Patienten von Dr. Hans-Georg Hoffmann (r.) und seinem Team betreut. © Stiftung Mathias-Spital Rheine

Wo halten sich die Eltern während der OP auf?

Im Normalfall dauern die Operationen an Kindern bei uns unter einer Stunde. In der Zeit können die Eltern ins Café gehen oder in den Park, wir rufen sie auf dem Handy an, sobald die Operation vorbei ist. Ein großer Teil der Eingriffe ist ambulant, dann können die Eltern ihre Kinder am OP-Tag wieder mit nach Hause nehmen. Im ambulanten Aufwachraum können sie auch sofort bei den Kindern sein.

Leider können wir Kinder nach nichtambulanten OPs im Aufwachraum nicht von den erwachsenen Patienten trennen, deswegen können Eltern in diesem Fall nur mit in den Aufwachraum, wenn ihr Kind der einzige momentane Patient dort ist. Alles andere wäre zu indiskret, denn dort werden auch die medizinischen Informationen über die erwachsenen Patienten zwischen den Mitarbeitern im Gespräch ausgetauscht. Im Aufwachraum kümmert sich daher eine Pflegekraft um die Kinder. Aber wenn sie so wach sind, dass sie ihre Eltern vermissen würden, sind sie auch schon meist wieder auf dem Weg zur Station.

Scheint, als sei für die Kinder eine OP keine so große Sache – den Eltern geht’s da anders, sagten sie schon. Welche Ängste tragen Eltern denn an Sie heran?

Das sind meist gar keine konkreten Ängste. Es ist trotz aller Aufgeklärtheit mehr das Gefühl, dass sie ihr Kind abgeben müssen in einer Situation, in der es besonders schutzbedürftig ist. Hier können wir nur das Vertrauen aufbauen, dass die Eltern ihr Kind wohlbehalten wiederbekommen. Das hilft nicht 100-prozentig, dieses diffuse Gefühl geht davon nicht ganz weg.

Auch Dr. Markus Langes Kinder wurden schon im Mathias-Spital operiert.

Auch Dr. Markus Langes Kinder wurden schon im Mathias-Spital operiert.

Das wissen Sie aus eigener Erfahrung?

Ich habe meine Kinder bei typischen Kinder-OPs selbst anästhetisch betreut. Wären das größere Eingriffe gewesen, hätte ich das an einen Kollegen abgegeben. Ich habe also noch nicht als Vater draußen gestanden bei einer OP meines Kindes. Aber wir hatten einmal den Verdacht, dass eins unserer Kinder etwas Schlimmes hat und haben erst nach drei Stunden durch eine MRT Entwarnung bekommen. Diese drei Stunden waren die schlimmsten meines Lebens, die will ich nicht noch mal erleben. Insofern kann ich jede Angst nachvollziehen.

Was raten Sie Eltern im Falle einer Operation an ihrem Kind?

Haben Sie Vertrauen! Kinderanästhesie ist heute sehr, sehr sicher.