Verändern Kinder das Besitzdenken?

Beitrag zur Blogparade: „Was ist Besitz für Dich? Mehr Lust oder mehr Last?“

Bild: Der Inbegriff von Besitz ist das Eigenheim. (Quelle: image4you auf pixabay)

Neulich hat Eva Ihnenfeldt eine Blogparade gestartet zu der Frage: „Was ist Besitz für Dich? Mehr Lust oder mehr Last?“. Ob man mit Kindern anders über Besitz denkt? Die meisten Eltern würden  wahrscheinlich sagen, dass man mit Kindern mehr besitzen muss. Allein was man auf einen Tagesausflug alles mitschleppt … Aber letztlich kann das auch nur jede Familie für sich selbst entscheiden.

Ich reagiere momentan empfindlich auf Besitzfragen, wesentlich stärker, seit unsere Tochter da ist. Zurzeit leben wir in einem dauerhaften Provisorium, da wir gerne umziehen würden, aber noch nichts Passendes gefunden haben. Auch daher trifft diese Frage bei mir gerade einen Nerv. Last oder Lust – hier meine Gedanken.

1. Besitz ermöglicht mir mein angenehmes Leben.

Besitz bedeutet für mich Sicherheit: Dies und dies und dies benötige ich, um mein Leben so zu leben, wie es für mich am einfachsten ist. Vieles könnte ich auch leihen, unseren Akkubohrer beispielsweise, den wir ca. dreimal im Jahr brauchen. Maximal. Aber das wäre Aufwand: Ich kann nicht mal eben eine Schraube in die Wand bohren, sondern muss das wieder planen. Will ich nicht. Deswegen der verstaubte Akkubohrer im Schrank.

Hinten im Schrank liegt der Akkubohrer, den wir vielleicht dreimal im Jahr benutzen. Leihen wäre sinnvoller.

Hinten im Schrank liegt der Akkubohrer, den wir vielleicht dreimal im Jahr benutzen. Leihen wäre sinnvoller.

Wenn ich daran denke, was ich in meinem Leben gern einmal „haben“ möchte, dann ist das nie Materielles: Unsere Tochter groß werden sehen. Zeit zu haben, um ein Buch zu schreiben, ein bestimmtes Land bereisen, mal drei Wochen lang von Freund zu Freund fahren, um alle mal wiederzusehen … Aber machen wir uns nichts vor: Auch Zeit ist Geld – und damit besitzabhängig.

2. Besitz belastet mein Gewissen.

Bleiben wir mal der Einfachheit halber beim Materiellen. Konsum und Besitz sind zwar nicht dasselbe, aber wer nicht gerade von der Hand in den Mund lebt, häuft durch Konsum zwangsläufig Besitz an. Je länger ich im Marketing arbeite, dessen Ziel es ist, anderer Menschen Konsum anzuregen, desto kritischer stehe ich meinem eigenen Konsum gegenüber: Auf dieser Erde arbeiten 52 Sklaven für mich. Würde jeder so konsumieren wie ich, bräuchten wir 2,7 Planeten. Und das Klima verändere ich auch nicht zum Positiven – das sagen meine „Fußabdrücke“.

Früher habe ich immer gedacht: Na ja, musst du eben später mit den Konsequenzen deines Handelns klar kommen, selbst Schuld. Es musste tatsächlich unsere Tochter geboren werden, damit bei mir auch emotional ankam: Mein Handeln beeinflusst das Leben anderer Menschen – heute und morgen. Und sie können nichts gegen mein Verhalten tun – das kann nur ich. Das wurde mir erst bis ins Letzte bewusst, als ich dieses kleine hilflose Kind im Arm hatte, das absolut und unwidersprechlich von uns abhängig war.

Lesestoff gebe ich meist wieder ab. Einige Bücher jedoch sammeln sich dennoch an.

Lesestoff gebe ich meist wieder ab. Einige Bücher jedoch sammeln sich dennoch an.

Dabei gehöre ich nicht mal zu den Kosumbegeisterten. Ich habe die meisten Dinge immer schon nach ihrem Nutzen für mich beurteilt, Nutzen im Sinne von: Zu was kann ich das gebrauchen/verwenden? Was mir wirklich Freude macht zu kaufen, sind Essen und Lesestoff. Ersteres ist hinterher weg, Letzteres gebe ich weg – meistens. Es häuft sich nicht an.

Denn letztlich ist es das, was mich nervt: Besitzhäufung. Und das ist noch mehr so, seit unsere Tochter da ist. Denn Besitz beansprucht Zeit: aufräumen, pflegen, instandhalten … Das ist Zeit, die ich nicht mit unserer Tochter verbringen kann.

3. Ungenutzter Besitz nervt mich.

Der halbe Dachboden steht voll mit Kartons abgelegter Kinderkleidung und Baby-Equipment. Es wartet dort darauf, von Kind Nummer zwei irgendwann genutzt zu werden. Es nervt mich, dass es da liegt, obwohl ich es nicht mal sehe, und ich freue mich schon heute auf den Tag, da Kind Nummer zwei aus allem rausgewachsen sein wird und ich alles verschenken, verkaufen, wegwerfen kann. Warum ich es nicht schon jetzt tue? Weil ich bei Kind Nummer zwei dann wieder Zeit in die Anschaffung investieren müsste. Und diese Zeit habe ich ja schon einmal investiert.

Diese Kartons warten darauf, fürs zweite Kind wieder ausgepackt zu werden. Irgendwann ...

Diese Kartons warten darauf, fürs zweite Kind wieder ausgepackt zu werden. Irgendwann …

4. Unsere Wohnung ist zu voll.

Am liebsten würde ich allen Dekokram, den ich irgendwann mal geschenkt bekommen habe, alle Spiele, die wir nie spielen, alle „Vielleicht-brauchen-wir-das-noch-mal“-Dinge einfach aussortieren. Sie machen unsere Wohnung voll und nehmen unserer Tochter den Platz zum Spielen. Warum ich es nicht tue? Weil es Arbeit macht und Zeit kostet: Alles ausräumen, sichten, sortieren nach Verschenken, Verkaufen, Wegwerfen, es dann tatsächlich verschenken und verkaufen … Denn einfach alles in den Müll, das geht gar nicht für mich! Ich warte momentan sehnsüchtig auf den Umzug, um dann alles richtig gründlich auszumisten. Immerhin habe ich dann einen zusätzlichen Anreiz: Alles, was vorher weg ist, brauchen wir nicht zu schleppen. Und könnten ohne Altlasten ins neue Heim ziehen. In ein Heim so viel Energie zu stecken, in dem wir nur noch auf Zeit wohnen, sehe ich irgendwie nicht ein …

Selbst solcher Kleinbesitz macht Arbeit. Und sei es nur das Staubwischen.

Selbst solcher Kleinbesitz macht Arbeit. Und sei es nur das Staubwischen.

Und dann sind da noch die Sachen, die wir mit dem Gedanken aufheben: „Daran wird unsere Tochter sicher irgendwann einmal Freude haben …“ Was ist teurer: jahr(zehnt)elang aufheben oder zum passenden Zeitpunkt neu kaufen?

5. Bitte nichts mehr anschleppen!

Es ist unglaublich, wie viel Spielzeug unsere Tochter hat, obwohl wir nichts gekauft haben. Für den Geburtstag unserer Tochter habe ich in die Einladungen ihre „Wünsche“ geschrieben, damit sie ja nicht mehr bekommt, als unbedingt notwendig. Notwendig, um ihr eine Freude zu machen und uns ein paar „Sowieso-Ausgaben“ abzunehmen. Eine Freundin hat zu ihrem Geburtstag um eine Spende für eine Organisation gebeten, die ihr wichtig ist – statt Geschenken. Finde ich eine Super-Idee – aber ich fürchte mich vor den „Kleinigkeiten“, die dann doch alle wieder mitbringen. Ich muss sie dann ja wieder entsorgen, siehe 3. Wir haben seit acht Jahren denselben Duschvorhang. Alle paar Monate überlege ich, ob ich mal einen neuen anschaffe. Und dann stecke ich den alten doch wieder nur in die Waschmaschine. Ich habe keine Lust zu kaufen, auch wegen 2. Alles fühlt sich zu voll an.

Waschen statt austauschen: Unser Duschvorhang sieht auch nach acht Jahren noch immer ansehnlich aus.

Waschen statt austauschen: Unser Duschvorhang sieht auch nach acht Jahren noch immer ansehnlich aus.

6. Ich träume von der Leere.

Ich bin ein analoger Typ: Ich mag meine Bücher. Ich bekomme die Zeitung aus Papier. Ich habe einen Kalender aus Papier. Ich sammle Visitenkarten. Ich schreibe mit Stiften. Aber manchmal träume ich von einem Zimmer, in dem nur mein leerer Schreibtisch steht und darauf mein Computer. Nichts sonst. In meinem Kopf muss so viel organisiert, sortiert und geordnet werden, dass jedes überflüssige Detail außerhalb meines Kopfes (= „Unordnung“) zu viel erscheint. Ich bilde mir ein, viele Alltagsstreitereien würden sich erledigen, wenn es weniger Kram gäbe, den der eine im Weg des anderen herumliegen lassen könnte. Vielleicht könnte ich gegenüber unserer Tochter öfter wirklich „da“ sein, wenn ich nicht tausend Sachen organisieren, versorgen, aufräumen müsste.

Insofern kommt mir das Leben von Anne Donath gerade paradiesisch vor, vor allem weil ich auch einen Hang zum „Ursprünglichen“ habe: Feuer machen, im Regen duschen, Gemüse anbauen. Aber mein Traumgebilde oben zeigt schon, was ich auf jeden Fall hätte: einen Computer und Internetanschluss. Vielleicht nicht unbedingt W-Lan, aber bestimmt ein Handy. Hm. Vielleicht.

Hätten wir einen richtigen Garten, kämen wir vielleicht mit weniger Zimmern aus.

Hätten wir einen richtigen Garten, kämen wir vielleicht mit weniger Zimmern aus.

Und wenn ihr jetzt fragt, warum wir denn nicht gleich ins Blockhaus ziehen, wenn wir doch eh umziehen wollen: Tatsächlich suchen wir eine Wohnung mit einem Zimmer mehr als jetzt. Mit Kind ist mehr Platz irgendwie angenehmer. Vielleicht weil Kinder sich so ausbreiten und ohne Türen schlecht akzeptieren können, dass hier Mamas Platz ist – und nicht die Stofftier-Autobahn. Auf der anderen Seite: Mit Annes Blockhaus hätten wir einen Garten. Vielleicht bräuchten wir dann das zusätzliche Zimmer nicht …

7. Ich sollte mein Leben aussortieren.

Als „Marketing-Tante“ weiß ich, dass Konsum immer nur Ausdruck innerer Bedürfnisse ist. Wenn ich also meine „Bitte-nicht-noch-mehr-Zeug“-Haltung momentan anschaue, dann muss ich wohl zugeben: Mich hat gerade die Rush Hour des Lebens voll erwischt. Ich teile die Erfahrung der meisten Eltern heute, dass einfach ständig überall von allen zu viel von uns gewollt wird. Das war noch nicht so bei mir, bevor unsere Tochter da war. Gleichzeitig erhalte ich von unserer Tochter so viel – Immaterielles! –, dass es mir leicht fällt, auf vieles zu verzichten, das ich früher für unverzichtbar hielt. Ich kann jetzt zwei Stunden auf dem Spielplatz im Sand hocken, ohne hibbelig zu werden, nur weil ich kein Buch dabei habe, das ich „konsumiere“.

Aber um mein Leben „auszusortieren“, bräuchte ich mal etwas Zeit und Ruhe, um gründlich über meine Prioritäten nachzudenken. Habe ich nicht. Und lässt sich leider auch nicht beschaffen nach dem Motto: „Für die wichtigen Dinge muss man sich halt Zeit nehmen!“ Es gibt da etwas – jemanden –, der immer am wichtigsten ist, wenn das Lebensnotwendige erledigt ist: unsere Tochter. Ich, ich komme später wieder dran.

8. Unsere Tochter soll sich entfalten können.

Wir haben nie geplant, ein Haus zu erwerben. Wir mieten gern. Ich bin froh, dass ich kein Elternhaus habe, über das ich in einigen Jahren entscheiden muss: Altengerecht umbauen? Verkaufen? Vermieten? Abreißen? Wenn ich an den Koffer denke, den wir unserer Tochter ins Leben mitgeben, dann sollen dort hinein vor allem Möglichkeiten, keine Verpflichtungen. Zu diesen Möglichkeiten gehört auch Geld, klar: Stichwort Sicherheit. Anschaffen können, was sie für ein angenehmes Leben bracht. Aber wofür sie ihr Geld ausgibt, das soll sie entscheiden.

Viel Spielzeug lagert in einer Kiste, damit nicht das ganze Wohnzimmer ständig überfüllt ist. Immer mal wieder wechseln wir Spielzeug aus, damit unsere Tochter neue Anregungen bekommt.

Viel Spielzeug lagert in einer Kiste, damit nicht das ganze Wohnzimmer ständig überfüllt ist. Immer mal wieder wechseln wir Spielzeug aus, damit unsere Tochter neue Anregungen bekommt.

Ich will ihr kein Haus vererben, das sie dann belastet. Vielleicht wird sie das später bedauern. Vielleicht würde sie gerne ein Haus erben. Vielleicht ist das Geld, das wir jetzt für sie anlegen, später nichts mehr wert. Vielleicht sollten wir ihr Ölreserven kaufen. Oder Wasser. Holz? Oder eben ein Haus. Als Eltern kann man solche Dinge nicht richtig machen.

9. Fazit: Ja, Besitz empfinde ich momentan eher als Last.

Mein aktuelles Bedürfnis geht eher zum „Sein“, weniger zum „Haben“. Vor allem, weil unsere Tochter uns täglich vorlebt, mit wie wenig Material sie so viel sein kann: Ein Streifen Sonnencreme auf der Nase und schon ist sie ein Tiger. Ein Handtuch zum Hinterherschleifen und schon fährt sie Auto.

Aber: Besitz als Last, das ist keine Grundhaltung. Manchen Besitz finde ich schön. Das merke ich daran, dass ich mich schon darauf freue, mir schöne Topfpflanzen für die Fensterbank auszusuchen. Wenn wir die neue, leerere Wohnung haben. Mit Fensterbänken, auf denen kein Nippes steht, weil ich den vorher aussortiert habe.

Oder vielleicht lasse ich die Topfpflanzen auch weg.
Kind Nummer zwei würde sie sowieso von der Fensterbank schmeißen.

 

3 Gedanken zu „Verändern Kinder das Besitzdenken?

  1. Pingback: Rückblick zur #blogparade "Besitz - Lust oder Last?" und was ich gelernt habe - Steadynews |

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  3. Liebe, liebe Mareike,
    heute nehme ich mir endlich die Zeit, Eure wunderbaren Blogbeiträge zur Blogparade zu beantworten – und in den Aufruf aufzunehmen. Deine Sichtweise ist mir so nah und ich weiß noch so gut, wie es war, als mit den Kindern auch der Zuwachs an Materiellem auf uns zukam: Spielzeug, Kleidung, Haushaltsgeräte und Geschirr – größere Wohnungen, später ein Haus, ein größeres Auto… Und natürlich viele monetäre Verpflichtungen: teurere Urlaube, Kindergarten, Schule, Vereine und Events, Freizeit- und Geburtstagsverpflichtungen, Gesundheitskosten. Es wächst so gigantisch an und führt dazu, dass das „Hamsterrad“ immer schneller rennt. Klar gibt es auch Familien, die im Wohnmobil leben und in Badewannen im Freien irgendwo auf der Welt planschen, aber das ist nun wirklich etwas für extreme Abenteurer. Ich habe damals sehr unter diesen Besitz- und Verbindlichkeitsverpflichtungen gelitten. Ich finde es toll, dass Du Dir da so bewusst drüber bist (war ich nicht) und dass Du da offensiv mit umgehst. Ist ja auch wichtig für das Wertesystem Deiner Tochter! Ganz lieben Dank für Deinen tollen Artikel. Deine Eva

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