Kita-Architektur – Spiegel des pädagogischen Konzepts

Häuser für Kinder – statt Kinder für Häuser

Bild: Flexibilität wird immer wichtiger im Kita-Alltag – auch bei den Möbeln.

Neulich habe ich die neue Kita Thieberg besichtigen dürfen, als sie gerade anderthalb Wochen in Betrieb war. Noch sah alles etwas klinisch aus, aber an der ein oder anderen Stelle hatten die Kinder schon ihre Spuren hinterlassen. Diese neue Kita sieht ganz anders aus als die Kita unserer Tochter, obwohl dieselben Funktionsräume da sind. Aber zwischen den Bauzeiten liegen auch rund 40 Jahre. Nicht nur die Architektur ist heute anders, auch die zugehörige Pädagogik hat sich geändert. Ein Vergleich – und warum es sich lohnt, nach Japan zu schauen.

Kita Thieberg

Das Außengelände der Kita Thieberg ist noh nicht fertig. Bis hier große Bäume Schatten spenden, vergehen Jahrzehnte. Schön ist, dass damals wie heute Kindergartenkinder die Fensterscheiben mit Fingerfarbe bemalen.

Die Kita unserer Tochter sieht genauso aus wie meine Kita damals – nur dass die da noch Kindergarten hieß. Beim Schnuppertag sagte eine andere Mutter über eins der Spielgeräte im Kita-Außenbereich: „Guck, an dem habe ich schon geturnt, als ich hier in den Kindergarten ging.“ Und tatsächlich sehen die Gerüste in der Kita unserer Tochter genauso aus wie auf den Spielplätzen, auf denen ich früher getobt habe.

Die Gruppen sind offener geworden

In der Kita Thieberg ist der Flur eine Rennstrecke: Mit Bobbycars lässt es sich prima die Rampen hoch- und runterdüsen, die das Gefälle im Gebäude ausgleichen. Der Flur ist breit und durch das Oberlicht hell. In meiner Kita war der Flur schmal und dunkel. Hier gab es lediglich einen kleinen Teppich mit großen Plastikbausteinen, auf dem wir auf besondere Erlaubnis hin zu dritt spielen durften. Das war eine Auszeichnung, waren wir dann doch den Augen der Erzieherinnen entzogen.

Kita Thieberg

Der Flur der Kita Thieberg ist breit, hell und eignet sich für Bobbycar-Rennen und Kinder im Rollstuhl.

Die Gruppentüren blieben den ganzen Vormittag geschlossen, die Gruppen voneinander getrennt. Wenn sich ein Kind besonders daneben benahm, musste es zur Strafe für eine gewisse Zeit in die andere Gruppe, wo es niemanden kannte und stumm und ängstlich in einer Ecke herumsaß. In der Kita Thieberg sind die Gruppenräume offen, die Kinder wechseln zwischen den Gruppen hin und her und kennen daher untereinander. Zum Glück sind offene Türen etwas, das auch in der „alten“ Kita unserer Tochter „nachgerüstet“ werden konnte: Auch hier wird heute das offene Konzept gelebt.

Und noch etwas zeigt das Bild des Flurs der Kita Thieberg: Hier sind auch Kinder mit Einschränkungen willkommen. Auf Kinder im Rollstuhl oder mit anderen Behinderungen war meine Kita damals nicht eingerichtet. Entsprechend betroffene Kinder gingen in den heilpädagogischen Kindergarten. In die Kita Thieberg dürfen auch Kinder mit Einschränkungen gehen – auch etwas, das in „alten“ Kitas durch Umbauten und vor allem Umdenken heute realisiert wird.

Flexibilität wird immer wichtiger

In meinem Gruppenraum gab es eine feste Essecke, eine feste Spielecke, eine feste Malecke, eine feste Bastelecke, eine feste Bücherecke, eine feste Handarbeitsecke, eine Puppenwohnung, aus der die Puppen auch nicht entfernt werden durften, und zwei Bauteppiche mit unterschiedlicher Nutzungsweise. Genauso fest war, dass der Bauteppich den Jungs „gehörte“ und die Puppenwohnung den Mädchen. Solange meine Geschwister und ich in der Gruppe waren, änderte sich die Raumaufteilung nicht. Lediglich die Gesellschaftsspiele wurden zwischen den Gruppen ab und zu ausgetauscht und die Bastelangebote variierten. Und zum Stuhlkreis wurden die Stühle in die Mitte des Raums geholt.

Kita Thieberg

Die Einrichtung der Kita Thieberg ist sehr flexibel. Noch fehlen in den neuen Räumen die Spuren der Kinder.

In der Kita Thieberg und auch in der Kita unserer Tochter gibt es kaum noch Ecken mit festen Funktionen und Abgrenzungen. In der Kita Thieberg sind sogar die Regale mit Rollen versehen und die Tische sind vieleckig statt viereckig. Der Raum kann also ganz leicht jederzeit umgestaltet werden. Aufräumen war in meinem Kindergarten früher sicher leichter …

Kita Thieberg

Selbst die Regale stehen nicht mehr fest im Raum.

In meinem Kindergarten gab es einen festen Tagesablauf: Bis neun Uhr mussten alle Kinder da sein. Bis zu einer bestimmten Uhrzeit mussten alle gefrühstückt haben, inklusive Abwasch hinterher. Zu trinken gab es Milch und Kakao. War es sehr heiß, gab es später draußen noch kalten Früchtetee, den ich bis heute verabscheue und schon damals nur getrunken habe, wenn mir die Zunge schon am Gaumen festklebte.

Nach dem offenen Spiel kamen wir im Stuhlkreis zusammen für Spiele und Lieder. Und anschließend gingen wir nach draußen, bis wir um zwölf abgeholt wurden. Draußen gab es einen gepflasterten Bereich, Spielgeräte unter Bäumen und einen Sandkasten. Sobald es feucht war, war der Sandkasten tabu. Hatte es stärker geregnet, durften wir auch nicht unter die Bäume, dann spielten wir auf den Steinen. Regnete es noch während der Draußen-Zeit, blieben wir drinnen.

In der Kita unserer Tochter frühstücken die Kinder im Laufe des Vormittags, manche auch zweimal. Abräumen müssen sie auch, der Abwasch wird zentral geregelt. Zu trinken gibt es Wasser und Apfelschorle – den ganzen Kita-Tag über. Nach draußen dürfen die (älteren) Kinder immer – und für nasses Wetter gibt es Matschhosen und Gummistiefel. Gebracht und abgeholt werden sie zu unterschiedlichsten Zeiten zwischen 7 und 16 Uhr – in einem gewissen Rahmen.

Kita Thieberg

Die Gruppenräume in der Kita Thieberg sind meterhoch und durch die riesigen Fenster sehr hell.

Die Räume in meinem Kindergarten und in der Kita unserer Tochter haben normale Raumhöhe, die Fenster die übliche Größe. In der Kita Thieberg sind die Räume mehrere Meter hoch, die Fenster riesig, bis auf den Boden. Die Kinder genössen dieses Raumgefühl, sagte mir eine Vertreterin des Trägers, nur der Hall müsse nun noch irgendwie durch Dämmstoffe an den Wänden abgefangen werden … Was die Raumhöhe angeht, sind die Architekten heute also nicht unbedingt schlauer als zu meiner Kindergartenzeit.

Der hohe Raum ermöglicht der Kita-Thieberg eine Empore, auf der die Kinder ebenfalls spielen und durch Fenster in den Raum unter ihnen blicken können. Mein Kindergarten und die Kita unserer Tochter sind ebenerdig angelegte Gebäude, hohe Treppen hielt man damals offenbar für zu gefährlich.

Kita Thieberg

Die Treppe führt auf die Empore, von wo aus die Kinder in den Gruppenraum hinabschauen können beim Spielen.

Die Kinder kommen früher und bleiben länger

Voraussetzung zu meiner Kindergartenzeit für den Besuch des Kindergartens war: Das Kind musste trocken sein! Manche Mutter hat geschwitzt, um das hinzukriegen, bis das Kind drei und damit „reif“ war. Mich hat man erst mit 4,5 Jahren in den Kindergarten geschickt, das hatte allerdings andere Gründe.

Kita Thieberg

Wickeltische gehören heute zu jeder Kita, früher mussten die Kinder beim Eintritt in den Kindergarten trocken sein.

Heute kommen die Kinder ab drei Monaten in die Kita. In der Kita Thieberg und in der Kita unserer Tochter ist der Besuch ab zwei Jahren möglich. Da die Kinder so früh schon kommen, sind natürlich einige Dinge anders: Wer früher versehentlich einnässte, kam kurz danach verschämt in den Kindergarten-Ersatzklamotten zurück in die Gruppe – denen man ansah, dass sie kaum je gebraucht wurden und daher modisch völlig veraltet waren. Heute haben die Kitas Wickelräume, in der Kita Thieberg jeder Gruppenraum einen. Und falls mal was daneben geht, haben die Eltern Ersatzwäsche deponiert. Kein Kind muss mehr unbedingt mit drei trocken sein.

Kita Thieberg

Im Waschraum gibt es verschieden hohe Waschbecken für die unterschiedlichen Altersgruppen.

In meiner gesamten Kindergartenzeit war ich nicht einmal auf der Toilette, denn die kleinen Verschläge mit den kalten schwarz-weißen Toiletten mochte ich nicht. Außerdem roch es immer nach – ja, Klo eben. Und da der Raum kaum genutzt wurde, war es dort immer kalt. In der Kita Thieberg dagegen sind die Toiletten-Kabinen großzügig und warm gestaltet – optisch und klimatisch. Und riechen tut es auch nicht. Auch unsere Tochter kann dank Umbau auf gemütliche Kindertoiletten gehen, wenn sie das denn irgendwann mal tut.

Kita Thieberg

In so einem schönen Ambiente geht Kind gerne aufs Klo.

Da die Kinder länger bleiben und oft noch sehr klein sind, schlafen sie heute auch in der Kita. Die Kita Theiberg hat dafür flache Betten mit bunter Bettwäsche angeschafft in einem Extra-Schlafraum mit separatem Wickelraum direkt daneben. So viel Raumluxus hat die Kita unserer Tochter nicht, hier gibt es einen Wickelraum für alle und zum Schlafen wird ein Raum umfunktioniert. Aber Wickeln und Schlafen sind auch hier selbstverständlich.

Kita Thieberg

Zum Schlafen hat die Kita Thieberg einen separaten Raum mit Extra-Wickelraum.

Auch in meinem Kindergarten gab es eine Küche. Die bekamen wir aber nur zu sehen, wenn das Geburtstagskind uns erwählt hatte, mit ihm zusammen den Fantakuchen zu backen. Ansonsten blieb der Herd ungenutzt. Die Kita Thieberg hat eine große Küche mit einem großen Esstisch. In der Kita unserer Tochter musste man auch hier etwas erfinderischer sein und mit weniger Raum auskommen – aber auch hier gibt es natürlich Mittagessen.

Kita Thieberg

Gemeinsam Mittag essen, das gab es zu meiner Kindergartenzeit nicht.

Aus Ordnung und Gemeinsinn wird Selbstbestimmtheit und Bewegung

Insgesamt war es erstaunlich, wie sehr sich die Erfahrungen der Vertreter 60+ bei der Besichtigung der Kita Thieberg mit meinen deckten. Und wie anders alles heute ist.

Kindergarten zu meiner Zeit war vor allem eins: Vorbereitung auf die Schule. Wir lernten die notwendigen Fähigkeiten wie eine Zeitlang ohne unsere Mamis auszukommen, einen Stift zu halten, kleine Aufgaben eigenverantwortlich nach vorgegebenem Ritus zu erfüllen, uns in eine feste Gemeinschaft einzugliedern, bestimmte Aufgaben am Tisch sitzend zu erledigen und einen strikten Tagesablauf zu befolgen. Entsprechend wenig Bewegung war im Kindergartenalltag vorgesehen.

Die Kita Thieberg mit ihrem riesigen Raumangebot, ihren flexiblen Möbeln, den offenen Gruppen und dem großen Außengelände, das noch nicht fertig ist, lädt geradezu zum Bewegen ein. (Entsprechend will sich die Kita als Bewegungs-Kita zertifizieren lassen.) Auch unsere Tochter kann von Gruppe zu Gruppe tollen, viel draußen spielen und jederzeit die Turnhalle nutzen.

Kita Thieberg

Der Mehrzweckraum bietet viel Platz für Bewegung. Mein Kindergarten damals hatte noch keine Turnhalle.

Eine Turnhalle hatte mein Kindergarten nicht einmal: Einmal die Woche gingen wir mit unseren Turnbeuteln in Zweierreihe Hand in Hand zur benachbarten Grundschule zum Turnen. Und wehe, eine Mutter hatte den Turnbeutel morgens vergessen! Dann musste das Kind auf der Bank sitzen bleiben und zusehen.

Heute gibt es wohl keine Kita mehr, die ihren Kindern Bewegung verweigern oder sie einschränken würde. Und durch die flexibleren Tages- und Raumstrukturen können die Kinder viel mehr selbst entscheiden, was sie wann machen möchten. Waren am Spieltisch bei uns damals alle vier Stühle besetzt, konnte das fünfte Kind eben nicht mitspielen.

Fazit: Umdenken ist entscheidend – Umbauen wichtig

Mehr Platz, mehr Licht – das bieten moderne Kita-Bauten wie die Kita Thieberg heute. Dass neue Konzepte auch in alten Räumen funktionieren, wenn man ein wenig umbaut, beweisen die „alten“ Kitas. Und manche Elemente gefallen mir an den alten Kitas sogar besser: Eine niedrige Raumhöhe kann gemütlich wirken, alte Klettergerüste sind manchmal sogar kindgerechter als moderne Design-Spiellandschaften und den Jahrzehnte alten Baumbestand mit seinem großzügigen Schatten kann natürlich kein neuer Kitabau bieten!

Insgesamt werden die Räume und pädagogischen Konzepte eher den Kindern angepasst, weniger die Kinder den Räumen und Konzepten. Ein sehr beeindruckendes Beispiel von kindgerechter Architektur befindet sich in Japan:

Ein Gedanke zu „Kita-Architektur – Spiegel des pädagogischen Konzepts

  1. Danke – ein sehr informativer Artikel,
    Auch wenn meine Kinder erwachsen sind – für mich auch interessant, da ich 1971 ein 1/2 Jahr Praktikum im Kindergarten gemacht habe. Es hat sich vieles sehr positiv weiterentwickelt.

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