Hilfe, meine Tochter trägt Blau! – Mädchenfarben, Jugenfarben.

Warum tragen Mädchen heute alle Rosa, Lila, Pink?

Bild: Für das Bild habe ich alle rosa Klamotten herausgesucht, die unsere Tochter besitzt. Die meisten haben nicht wir gekauft.

Wenn uns jemand auf unsere Tochter anspricht, bekommen wir regelmäßig zu hören: „Wie heißt denn der kleine Junge?“ Unsere Tochter trägt nämlich kein Rosa. (Rosa steht ihr nicht, es macht sie blass und unscheinbar.) Dann kann sie ja nur ein Junge sein, richtig?

War Rosa schon immer die Mädchenfarbe?

Auf meinen Kinder-Fotos trage ich Weiß, viel Weiß. Und Gelb. Und Blau. Und Rot. Grün eher nicht. (Der Teppichboden in unserer Wohnung war grün, wahrscheinlich hatte meine Mutter Angst, ich könnte da verloren gehen.) Und hey: Auf einem Foto trage ich tatsächlich ein rosa Strickkleidchen (von Uroma)!

Der Pink-Schocker schlechthin steht heute in Berlin:

Mädchenfarbe Blau

Tatsächlich war Blau mal die Mädchenfarbe: Sie wurde mit dem Umhang der Muttergottes im Christentum assoziiert. Rot dagegen war die Jungenfarbe: Sie symbolisierte Macht, war die Königsfarbe und die Farbe der Heer-Uniformen, als es noch darum ging, den Gegner durch die Größe der eigenen Truppen zu beeindrucken. Statt sich im Dickicht zu verstecken. Jungen trugen entsprechend das kleine Rot, sprich: Hellrot – also Rosa.

Dies änderte sich erst mit dem Ersten Weltkrieg: Jetzt versteckte man sich besser vor den modernen Geschützen, die Uniformen wurden grau und auch aus der zivilen Mode verschwand das Rot bei den Männern. (Kann auch mit dem Demokratisierungsprozess zusammenhängen, nach dem es immer weniger rot bemäntelte Könige gab.)

Nun orientierte sich die Herren-Mode an Matrosen und Arbeitern – und die trugen Blau. Kleine Männer trugen also Hellblau. Anscheinend war damit klar, was Mädchen zu tragen hatten – quasi die „Gegenteil“-Farbe. Und da heute die meisten Eltern vor der Geburt wissen, „was es denn wird“, kommt die Mode-Industrie dem Wunsch nach individueller Kleidung nach und produziert rosa Mädchen-Klamotten und blaue für Jungs. Denn mehr als das Geschlecht weiß man ja kaum über die kleinen Bauchbewohner_innen.

Können wir rosa Mädchen verantworten?

Nur weil die Mode-, Spielzeug- und Lebensmittel-Industrie alles für Mädchen in Pink anbietet, bedeutet das nicht: Alle Mädchen lieben Pink.

Den meisten von uns ist klar: Mit Rosa assoziieren wir brav, süß, hübsch. Ist es das, was wir von unseren Töchtern erwarten? Möchten wir, dass sie Streichholz-Arme haben wie Prinzessin Lillifee? Gegen die ist nämlich sogar Barbie dick. Wir wünschen uns für unsere Töchter, dass sie sich durchsetzen, ihren Weg gehen, dort hinkommen, wo sie hinwollen. Und eine Frau, deren Hauptattribute „brav, süß, hübsch“ sind, wird kaum als fachlich kompetente Person ernst genommen.

Warum also spielen Eltern mit?

Meine Theorien – und wie wir es anders machen können:

1. Frauen mögen selbst gern Pink, Rosa, Lila und kaufen deshalb diese Farben. Nein, kann nicht sein: Die wenigsten Mütter der rosa gekleideten Mädchen tragen selbst diese Farbe. Schon gar nicht exzessiv. Aber handeln wir vielleicht „rosa“? Stören uns Flecken, meiden wir Matsch? Lächeln wir, wenn wir eigentlich sauer sind? Lachen wir mit vorgehaltener Hand? Sprechen wir höher als unsere Grundtonlage? Sitzen wir mit verschränkten Beinen? Alles, was uns kleiner, unscheinbarer und leiser erscheinen lässt, gehört zum Rosa-Effekt.

Ein wenig kritische Selbstbeobachtung hilft uns hier sicherlich weiter. Wer jedoch wirklich selbst gern Rosa mag, der findet für seine Tochter eine riesige Pink-Ecke bei Intertoys in Rheine.

2. Heldinnen und Rollenvorbilder für kleine Mädchen sind heute oft rosa. Hello Kitty, Prinzessin Lillifee, Playmobil Girls und rosa Ü-Eier – spätestens wenn unsere Töchter in den Kindergarten kommen, kommen wir nicht mehr um Rosa herum.

Mädchenfarbe, Jungenfarbe, Rosa, Mädchen

Stark, unangepasst und kein bisschen rosa dient Pippi Langstrumpf Mädchen seit Generationen als Rollenvorbild.

Aber wir müssen es nicht alternativlos lassen: Warum nicht mal alle Freundinnen der Tochter zum Superhelden-Bastelnachmittag einladen? Oder in den Kletterwald fahren? Oder einen Grusel-Leseabend veranstalten? Und was ist eigentlich aus dem Rollenvorbild Pippi Langstrumpf geworden?

3. Im heutigen Rollenbild-Chaos soll wenigstens bei den Kindern Ordnung sein. Vielleicht lindern wir tatsächlich die Überforderung mit den variablen Rollenbildern unserer Generation, indem wir unsere Kinder „eindeutig“ zuordnen. Spätestens wenn Papa am Sonntag Fußball guckt, während Mama die Küche aufräumt, erinnern wir uns aber ganz schnell wieder: In die 1950er Jahre wollen wir nicht zurück. Auch wenn’s manchmal anstrengend ist.

Also: Papa vom Sofa schmeißen, gemeinsam die Küche aufräumen, dabei ein paar leckere Dips zaubern und anschließend alle aufs Sofa und Fußball gucken.

4. Rosa kaufen ist einfach: Schon von Weitem schreit uns in Mode- und Spielzeugläden oder im Süßigkeiten-Regal das Rosa zu: Hier ist die Mädchen-Ecke! Warum also noch lange suchen?

Würden wir es uns in allen Fragen so einfach machen, äßen unsere Kinder nichts als Chips und Schokolade, weil das Kochen dann keine Mühe macht. Gegen die rosa Invasion in der Werbung wehrt sich die Initiative Pink Stinks. Wusstet ihr, dass ihr auch Mädchen-Windeln kaufen könntet?

In Rheine finden sich jedenfalls prima Alternativen zu Rosa und Pink: Selbst  Bekleidungsketten wie H&M, C&A oder Ernsting’s family haben je nach Jahreszeit, Alter der Kinder und Geschäft sehr hübsche Kleidung für Mädchen in modischen Farben. (Wobei nach meiner Stichprobe am 18. September 2015 H&M noch am stärksten auf Rüschen, Schleifen, Herzen, Strass und eben Rosa setzt.)

Kaum Rosa gehäuft findet ihr im SpielzeugLand auf dem Marktplatz in Rheine oder bei Eiling auf dem Thie.

Unsere Mädchen können mehr als Rosa!

Sechs Tipps, wie ihr eure Töchter zu starken Frauen erzieht, nicht zu rosa Mäuschen, findet ihr hier.

Außerdem ein Buch-Tipp:

Sabine Seyffert
Kleine Mädchen, starke Mädchen: Spiele und Phantasiereisen, die mutig und selbstbewusst machen

Und zum Schluss die Frage: Wie geht es eigentlich euch Eltern von Jungen? Werdet ihr dazu verleitet, eure Söhne zu Aggro-Machos zu erziehen? Oder auf welche Geschlechter-Klischees könntet ihr gut verzichten?