Der Mann ohne Schuhe in Rheine

Wie Kinder unser Gewissen herausfordern

Bild: Mit St. Martin beginnt die dunkle Jahreszeit, in der wir immer wieder dazu aufgerufen werden, ein Licht im Leben anderer anzuzünden. (Quelle: pavlofox auf pixabay)

Es gibt Momente, da vermisse ich ein Schwert in meiner Hand.

Freitag, am St. Martinstag, sind unsere Tochter und ich beim Stadteinkauf zufällig auf die Caritas-Aktion „Eine Million Sterne“ auf dem Marktplatz gestoßen. Die Kurze fand das Lichtermeer faszinierend – und als sie dann auch noch einen Luftballon bekam, waren auch die kaltgefrorenen Hände vergessen.

Auf der Bühne sang ein Chor und anschließend begannen die Reden über das Miteinander, das Füreinandereinstehen, das „Licht-in-die-Welt-Bringen“ – ihr wisst, was zu solchen Anlässen gesagt wird. Das Ganze hätte zwischen Dämmerung und Kerzenflackern eine wirklich schöne Stimmung erzeugen können, wäre da nicht der Mann gewesen, der immer wieder vor der Bühne auf und ab lief – ohne Schuhe.

Ein Bettler wie bei St. Martin?

Jedes Kind, das alt genug ist, die Geschichte von St. Martin zu verstehen, und das schon einmal das Martins-Schauspiel im Kindergarten oder in der Schule gesehen hat, hätte in diesem Mann sofort den Bettler ausgemacht: zerschlissene Hose, zerschlissener Wollpullover, aus dem die Fäden hingen, Filzsocken an den Füßen. Keine Schuhe. Keine Mütze. Kein Mantel. Alles an diesem Mann deutete auf den Bettler wie aus der Martinsgeschichte – außer seiner Haltung.

Menschen, die arm und am Rande der Gesellschaft stehen, machen sich normalerweise klein: Sie senken den Blick, wenn sie durch die Straßen gehen, ziehen die Schultern ein und sprechen leise. Ihre Körperhaltung drückt aus: Ich fühle mich klein und ohnmächtig und nicht zugehörig. Wir kennen das von den Bettlern in der Fußgängerzone: Sie sitzen zusammengesunken am Boden und bitten stumm um Geld, sie stellen sich nicht auf eine Bühne und fordern hocherhobenen Hauptes, was sie selbst nicht haben. Dieser Mann auf dem Marktplatz nicht.

Er war von hoher Statur und lief aufgerichtet. Er schaute geradeaus, wenn auch niemanden an. Und als wir ihn später in der Fußgängerzone wiedersahen, hielt er in einer Hand eine Eiswaffel, in der anderen einen Kaffeebecher. Er bettelte offenbar nicht.

Menschen mit geringem sozialen Status erkennt man oft an ihrer geduckten Körperhaltung. (Quelle: fantareis auf pixabay)

Menschen mit geringem sozialen Status erkennt man oft an ihrer geduckten Körperhaltung. (Quelle: fantareis auf pixabay)

„Mama, warum gibt dem Mann niemand Schuhe?“

Und dennoch: Auf der Bühne reden sie von Mitmenschlichkeit und davor läuft bei wenigen Grad plus ein Mann ohne Schuhe herum. Ein beklemmender Moment. Unsere Tochter interessierte sich nur für die Kerzen, aber ein, zwei Jahre älter hätte sie vielleicht auf den Mann gezeigt und gerufen: „Mama, der Mann läuft ohne Schuhe!“ Und wenn ich einmal mit dieser unleugbaren Erkenntnis konfrontiert werde, wird sie vielleicht weiter sagen: „Mama, warum hat der Mann keine Schuhe an? Ist dem nicht kalt?“ Und was antworte ich, wenn sie noch ein bisschen älter ist und wissen möchte: „Mama, warum gibt dem Mann niemand Schuhe?“

Teilen und helfen, das sind Werte, die wir unseren Kindenr vermitteln wollen. (Quelle: 1045373 auf pixabay)

Teilen und helfen, das sind Werte, die wir unseren Kindenr vermitteln wollen. (Quelle: 1045373 auf pixabay)

Ja, warum gibt dem Mann niemand Schuhe, mich eingeschlossen? Wie erkläre ich unserer Tochter, dass ich dem Mann keine Schuhe gebe, obwohl sie überall lernt, dass sie teilen soll und denen helfen, die Hilfe brauchen? Muss ich jetzt lügen, damit sie mich weder für einen schlechten Menschen hält noch die Werte infrage stellt, die wir ihr vermitteln wollen? Und plötzlich verstehe ich meine Urgroßmutter.

„Das sind Verbrecher Junge. Alle.“

Ich weiß, dass Vergleiche bei diesem Thema sehr schwierig sind und man sich in Teufels Küche bringen kann damit. Aber trotzdem muss ich plötzlich an die Erinnerung denken, die mein Opa mir erzählt hat: Als kleiner Junge ist er mit seiner Mutter vor dem Krieg aus Schlesien geflohen. Auf einer Etappe ihrer Flucht, er weiß nicht mehr genau wo, hat er aus dem Fenster eine Gruppe Menschen unten auf der Straße beobachtet. Sie liefen barfuß durch den Schnee, mit zerrissenen Kleidern. Männer, Frauen – und sogar Kinder, nicht älter als er selbst.

Die Menschen werden mit Stöcken vorangetrieben. Mein Opa fragt seine Mutter, warum die Menschen bei der Kälte ohne warme Kleidung und Schuhe durch die Straße getrieben werden. Und meine Urgroßmutter antwortet: Das sind Verbrecher, Junge. Alle?, fragt mein Großvater. Alle, sagt seine Mutter, und jetzt komm weg vom Fenster, wir reden nicht mehr darüber.

Wie soll sie ihrem Kind erklären, was für sie selbst unfassbar ist?

Plötzlich verstehe ich, warum sie meinem Großvater diese Antwort gegeben hat: Wie soll sie ihrem Kind erklären, was für sie selbst unfassbar ist? Und wie soll sie ihm erklären, warum sie nichts dagegen tut, dass dort auf der Straße Kinder ohne Schuhe durch den Schnee laufen, statt sie in die warme Stube zu holen? Gutheißen kann ich ihr Verhalten nicht. Aber verurteilen kann ich sie auch nicht. Wenn ich schon an einem Mann ohne Schuhe scheitern würde, wenn unsere Tochter fragte …

Diesmal bemerkte unsere Tochter den Mann ohne Schuhe nicht, abgelenkt von Lichtern und Luftballon.

Diesmal bemerkte unsere Tochter den Mann ohne Schuhe nicht, abgelenkt von Lichtern und Luftballon.

Im Gegensatz zu meiner Urgroßmutter begebe ich mich nicht in Lebensgefahr, wenn ich etwas dagegen tue, dass ein Mann ohne Schuhe durch die Kälte läuft. Warum gehe ich trotzdem nicht auf den Mann zu, frage ihn, ob er an den Füßen friert und ob er ein paar Schuhe möchte. Und wenn er bejaht, warum gehe ich dann nicht mit ihm ins nächste Geschäft und kaufe ihm ein Paar? Ich kenne die Martinsgeschichte seit meiner Zeit im katholischen Kindergarten und immer erschien es mir völlig klar, dass ein mitfühlender Mensch so handelt wie Martin und seinen Mantel mit dem Bettler teilt. Doch so einfach ist das gar nicht, stelle ich fest.

Irgendwie fehlt mir das Schwert.

Das Schwert, mit dem St. Martin seinen Mantel teilte. Was genau hält mich davon ab, den Mann anzusprechen? Sonst rede ich doch auch mit völlig Fremden, das gehört sogar zu meinem Job. Warum kaufe ich ihm nicht ein Paar Schuhe? Mir kommen eine Menge Gründe in den Sinn: Der Mann könnte meine Hilfe gar nicht wollen. Vielleicht ist er gar nicht arm, sondern ein Aktionskünstler? Ich kann eh nicht allen Menschen helfen, die Hilfe brauchen, warum dann ausgerechnet diesem? Und was, wenn er dann noch mehr will? Und was würden die denken, die hier auf dem Marktplatz stehen? Und was dächte der Mann über mich? Vielleicht irritiert mich auch einfach nur sein Verhalten, das nicht wirkt, als erfröre er gleich. Vielleicht hat er Schuhe, ist aber psychisch krank? Braucht er überhaupt Schuhe oder eine ganz andere Art der Hilfe, die ich gar nicht leisten kann? Und überhaupt: Muss in Deutschland überhaupt jemand ohne Schuhe herumlaufen, der das nicht will? Haben wir nicht ein funktionierendes soziales Netz?

Ich merke: Den Schritt auf einen Menschen zu, den wir als hilfsbedürftig einstufen, erfordert tatsächlich Überwindung, persönliche Überwindung. Mir gelingt sie nicht.

Spenden gegen Vermehrung der Bettler?

Mit unserer Tochter verlasse ich den Marktplatz und denke an die Menschen, die an diesem Martinsabend für die Aktion „Eine Million Sterne“ spenden, während sie den Mann ignorieren, der barfuß zwischen ihnen läuft.

Ist das die Lösung, die uns bleibt, wenn persönliche Hilfe so schwerfällt? Geld spenden, damit andere das tun können, wozu wir selbst nicht in der Lage sind? Für jeden, für den die Antwort „Ja“ lautet, ist hier das Spendenformular. Die Caritas-Aktion widmet sich in diesem Jahr unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Marokko. Vielleicht hilft sie zu verhindern, dass diese als Bettler in unserer Fußgängerzone enden.