Fünf Argumente, mit Kindern ins Kino zu gehen

Warum Kino anders ist als TV und ab wann ihr mit Kindern ins Kino gehen könnt

Bild: Der große Moment im Kino ist, wenn sich der Vorhang öffnet. (Quelle: simplu27 auf pixabay)

Bevor das Zinema City am Kardinal-Galen-Ring in Rheine in diesem Jahr neu eröffnete, gab es eine Zeitlang nur noch ein Multiplexkino in Rheine, das Cinetech Erlebniskino – hier habe ich auch meinen ersten Kinofilm gesehen. Das Cinetech verfügt über neun Säle und bietet Filme sowohl in 2D als auch in 3D an. Und: Es zeigt im Wochenprogramm auch Kinder- und Jugendfilme. Aber solltet ihr mit euern Kindern überhaupt ins Kino gehen? Sehen sie nicht zuhause schon genug fern? Und ab welchem Alter könnt ihr mit Kindern das Kino besuchen? (Ein Gastbeitrag von Gerrit Althüser)

1. Mit Kindern ins Kino zu gehen schafft ein Gemeinschaftserlebnis

Ins Kino zu gehen ist etwas Besonderes. Die Leinwand ist riesig, der Ton dröhnt von allen Seiten, um euch herum herrscht Dunkelheit, wenn ihr möchtet, könnt ihr Chips knuspern, Popkorn knabbern, etwas trinken oder ein Eis schlecken. Ihr spürt die Reaktionen der anderen Menschen auf den Film. Wie sehr verändert sich die Wahrnehmung einer Komödie beispielsweise dadurch, dass andere Menschen um euch herum laut mitlachen!

Im Grundschulalter war ich mit meiner Fußballmannschaft – natürlich der Eintracht Rheine – im König der Löwen, damals noch im mittlerweile abgerissenen Metropol-Theater. Ich erinnere mich immer noch gern daran, denn die ganze Mannschaft hatte gemeinsam Spaß, wir lachten an denselben Stellen, zitterten bei den gleichen Szenen. Die Mannschaft hatte gemeinsam etwas erlebt und musste dafür nicht einmal auf den Fußballplatz gehen. Für die nächsten Tage war der Film das gemeinsame Gesprächsthema, so wie es sonst Tabellenplätze und Schiedsrichterpatzer waren.

Gerrit Althueser

Gerrit Althüser empfiehlt Eltern, die mit ihren Kindern ins Kino gehen, sie langsam an das Medium Film heranzuführen.

2. Mit Kindern ins Kino zu gehen ist ein Familienausflug

Auch zuhause könnt ihr gemeinsam gute Filme schauen, im Kinderfernsehen, auf DVD oder direkt aus dem Internet, aber im Kinosaal erlebt ihr sie anders. Nicht zuletzt deshalb heißt das Kino in Rheine auch „Erlebniskino“. Außerdem klingelt im Kino kein Telefon, keine Internet-Messages lenken ab und die Handys müssen stumm gestellt sein.

Im Kino könnt ihr als Familie Zeit gemeinsam verbringen und habt nachher etwas, über das ihr miteinander reden könnt. Auch ein gemeinsamer Videoabend schafft ein Gemeinschaftserlebnis, das beiläufige Fernsehprogramm jedoch nicht. Ins Kino zu gehen hat zudem den Charakter eines Ausflugs.

Und auch die Eltern können bei diesem Ausflug auf ihre Kosten kommen. Der Kinobesuch ist sicherlich entspannender als so manch anderes Ausflugsziel, vor allem aber richten gute Kinderfilme sich immer auch an Erwachsene, bieten Witze und Anspielungen für ein erwachsenes Publikum. Damit sind nicht die vielen für Kinder unbemerkbaren schmutzigen Gags gemeint, die immer wieder in Kinderfilmen auftauchen.

3. Mit Kindern ins Kino gehen, weil es auch Erwachsenen Spaß macht

Gemeint sind vielmehr politische und gesellschafts-satirische Pointen, Anspielungen auf Beziehungs- und Liebesprobleme der Erwachsenen, Zitate aus der Hochkultur und vor allem aus Filmklassikern, die nur Erwachsene erkennen können.

Ein Beispiel: Ich hoffe nicht, dass eure Kinder The Shining gesehen haben. Es taucht aber nicht nur der berühmte Boden aus diesem Meisterwerk in Toy Story wieder auf, in Findet Nemo ruft der Hai Bruce beim Durchbrechen einer Tür: „Here’s Brucey!“ – ganz wie Jack Nicholson als Jack Torrance in Shining brüllt, als er eine Tür mit der Axt einschlägt: „Here’s Johnny!“ Genauso gibt es in Findet Nemo Verweise auf Hitchcocks Psycho und Spielbergs Der weiße Hai, die sich ebenfalls sicher nicht an ein kindliches Publikum richten.

mit Kindern ins Kino

Das Cinetech Erlebniskino ist momentan das einzige Kino in Rheine, in das ihr mit euern Kindern gehen könnt.

4. Mit Kindern ins Kino gehe, weil es wichtig ist, das Kino zu lernen

Ihr könnt nun einwenden, dass das Kino zwar sicherlich ein gutes Ausflugsziel sei, ihr aber mit den Kindern besser den Zoo besuchen könntet, wo sie auch Spaß haben, sich mehr bewegen und sicher einiges lernen. Dagegen will ich nichts sagen, das ist natürlich richtig. Mir geht es aber um Folgendes: Noch immer ist manch einer der Meinung, dass Kinder am besten überhaupt keine Filme sehen sollten. Ebenso wie ich widerspreche, wenn jemand vorschlägt, Kinder sollten überhaupt nicht in den Zoo oder auf den Spielplatz gehen, würde ich auch hier widersprechen.

Wir leben in einer zunehmend visuellen Gesellschaft und das Verständnis bildlicher Medien sollte bereits früh eingeübt werden und an Filmen kann es früh geübt werden. Pädagogen sprechen gerne von „Medienkompetenz“. Vor allem ist der Film selbst das Medium, in dem sich unsere Gesellschaft am meisten ihrer selbst vergewissert. Über Filme redet fast jeder und Filme ihrerseits greifen alle wichtigen gesellschaftlichen Probleme auf. Wäre es da Richtig, Kindern die Teilnahme an der Filmwelt zu verweigern?

5. Mit Kindern ins Kino, weil Kino Kunst ist

Im Kino müssen sich Kinder ganz anders auf den Film einlassen als auf die beim Spielen gemütlich im Hintergrund dudelnden Zeichentrickstreifen. Viel leichter kann so ein Bewusstsein davon entstehen, dass Kinofilme auch Kunstwerke sind. Und es handelt sich um Kunstwerke, die die Fähigkeit haben, uns für eine kurze Zeit zu fesseln und in eine andere Welt zu entführen, wenn wir uns auf sie einlassen.

Viele phantastische Kinderfilme machen eben diese Entführung in eine andere Welt zum Thema, denkt an Der Zauberer von Oz aus dem Jahr 1939: Sobald Dorothy in das magische Land Oz eintritt, verwandelt sich der Film in einen Farbfilm. Und da der Farbfilm damals neu war, feiert das Kino sich und seine eigene Magie damit auch ein wenig selbst. Im Animationsfilm Coraline aus dem Jahr 2009 dienen nun die 3D-Effekte als Kennzeichen des Phantastischen.

mit Kindern ins Kino

Nichts wird wohl so mit Kino in Verbindung gebracht wie Popcorn. (Quelle: dbreen auf pixabay)

Ab wann mit Kindern ins Kino?

Da diese Entrückung, dieses sich Einlassen auf Filme auch anstrengend ist, solltet ihr nicht mit zu kleinen Kindern ins Kino gehen. Statistiken zeigen, dass der erste Kinobesuch bei vielen Kindern mittlerweile im Alter von drei bis vier Jahren liegt, vielleicht ist es aber nicht verkehrt, bis zum Alter von fünf oder sechs zu warten, damit euer Kind nicht überfordert wird. Zu kleine Kinder haben Probleme, mit der Menge an Sinnesreizen und der komplexen Handlung umzugehen. Die Aufmerksamkeitsspanne reicht noch keine anderthalb Stunden.

Als guter Termin für einen Erstbesuch im Kino eignet sich übrigens ein warmer Sommernachmittag, wie ein „Versuch“ mit dem Film Hexe Lili – Der Drache und das magische Buch gezeigt hat. Seid ihr mit eurer Tochter oder euerm Sohn ganz alleine im Kino, kann euer Kind herumlaufen, da es das lange konzentrierte Sitzen noch nicht gewöhnt ist. Und es kann verschiedene Plätze ausprobieren …

Buchverfilmungen fördern nicht das Lesen

Beim Thema „Hexe Lili“ möchte ich noch eine Warnung aussprechen: Kinderfilme haben zwar häufig Buchvorlagen, dienen aber nicht dazu, Kinder an Bücher heranzuführen. Das können am besten – Bücher. Wenn ihr versucht, Kinderbuchverfilmungen als Sprungbrett zum Lesen zu nehmen, werdet ihr weder den Büchern noch den Filmen gerecht.

Filme – zumindest gute Filme – solltet ihr an sich als Kunstwerke anerkennen. Und wie viele schöne Kinderbuchverfilmungen gibt es, von Emil und die Detektive über Ronja Räubertochter bis zu Rico, Oskar und die Tieferschatten?

Vorher über Kinderfilme informieren

Natürlich läuft auch viel Schund im Kinderkino. Ihr solltet euch daher über das Programm informieren, bevor ihr mit Kindern in einen Film geht, etwa über Rezensionen in Zeitungen und im Internet, über Werbeplakate und das Schauen des Trailers. Und da die meisten Kinderfilme Literatur-Adaptionen sind, könnt ihr schon einen guten Eindruck von der Handlung eines Films gewinnen, wenn ihr das Buch vorher (vor)lest.

mit Kindern ins Kino

Montags ist im Cinetech übrigens Superspartag – habt ihr heute schon was vor?

Haltet das Kino am Leben – auch für eure Kinder

Es bleibt zu hoffen, dass Rheine vielleicht bald wieder zwei Kinos hat, wenn sich ein neuer Betreiber für das CityKino findet. Und solange es in Rheine noch Kinos gibt und diese gute Filme zeigen, solltet ihr sie nutzen. Das Kinosterben scheint vielerorts unaufhaltsam, es lässt sich aber aufhalten. Ihr müsst nur selbst hin und wieder hineingehen und euch darauf einlassen – und auch die jüngere Generation daran heranführen.

Erinnert ihr euch an euern ersten Kinobesuch – oder einen besonderen mit euern Kindern? Dann freue ich mich auf eure Erzählungen!

(Der Autor Gerrit Althüser, in Rheine geboren und aufgewachsen, ist Kinofan und promoviert an der Uni Münster zur schulischen Filmvermittlung.)