Sicher Fliegen mit Kleinkind

Wie ihr eure Kleinen vor schweren Verletzungen schützt

Bild: Sicher fliegen mit Kleinkind bedeutet: Auch Startabbrüche etc. sollte es überleben können. (Quelle: hpgruesen auf pixabay)

Nachdem wir zwei Jahre lang wegen Geburt und Jobwechsel auf unseren Sommerurlaub verzichtet haben, soll es diesen Sommer endlich, endlich, endlich wieder losgehen … Die Reise haben wir bei der Reisekauffrau unseres Vertrauens gebucht, die immer genau weiß, was wir wollen und brauchen. Dass das Fliegen mit Kind etwas anstrengender werden würde, war mir klar. Aber als ich anfing, mir Tipps zusammenzusuchen, stellte ich fest: Fliegen kann für das Kind auch ganz schön gefährlich sein!


Ich hatte immer nur gradlinige Schönwetterflüge bisher und mir um die Sicherheit unserer Tochter keine Sorgen gemacht. Als ich nun anfing zu recherchieren, kam ich eine Stunde später schreckensblass ins Wohnzimmer und knallte meinem Mann entgegen: „Wir fliegen nicht! Kein Urlaub ist das Leben meines Kindes wert!“

Verständlich, dass er mich erst mal etwas merkwürdig anschaute …

Was hatte ich über das sichere Fliegen mit Kleinkind erfahren?

Vorweg: Nach wie vor ist das sicherste Verkehrsmittel das Flugzeug. Punkt. Dass etwas passiert, ist höchst selten. Wenn etwas passiert, ist es in der Regel dramatisch, sprich medienwirksam und setzt sich schnell in den Köpfen fest.

Sicher fliegen mit Kleinkind

Flugzeugabstürze sorgen immer wieder für einen Medienhype. (Quelle: Unsplash auf pixabay)

An die täglichen Autounfälle mit Toten und Verletzten auf unseren Straßen sind wir daher so gewohnt, dass wir sie kaum noch wahrnehmen – obwohl sie sehr viel mehr Opfer fordern. Doch während spezielle Autokindersitze das Fahren für Kleinkinder mittlerweile kaum noch gefährlicher machen als für Erwachsene, sieht das beim Fliegen anders aus.

Zunächst einmal das: Kinder unter zwei Jahren bekommen einen eigenen Sitzplatz nur auf Extra-Buchung – und dafür müssen Eltern natürlich (wenn auch einen meist ermäßigten Preis) zahlen. Ansonsten reisen Kinder auf dem Schoß der Eltern oder – im ersten Jahr – in einem Bettchen, das an der Trennwand eingehängt wird und vorher reserviert werden muss.

Sicher fliegen mit Kleinkind

Die Kleinsten erhalten aus Kostengründen keinen eigenen Sitzplatz im Fligzeug. (Quelle: qimono auf pixabay)

Das bedeutet:

Bei Turbulenzen kann das Baby aus dem Bettchen geschleudert werden, das Kind auf dem Schoß der Eltern quer durchs Flugzeug fliegen. „Wieso? Ich halte es doch fest!“, sagt ihr? Na ja, ein Flugzeug ist um ein Vielfaches schneller als ein Auto – und würdet ihr behaupten, bei einer starken Bremsung im Auto könntet ihr euer Kind tatsächlich festhalten? (Ihr könnt das ja mal bei einem Fahrsicherheitstraining ausprobieren mit einer großen Puppe auf euerm Schoß während der Gefahrenbremsung …)

Zwar fährt ein Flugzeug selten gegen einen Baum, aber es gibt andere Ernstfälle:

  • Bei einem Startabbruch werdet ihr bei 250 km/h nach vorn geschleudert.
  • Bei Clean-Air-Turbulenzen (CAT) wird ein Flugzeug plötzlich über 20 Meter in die Höhe gerissen und dann wieder fallen gelassen – völlig ohne Vorwarnung. (Deswegen auch den Gurt immer geschlossen lassen, nicht nur bei den Kindern!)
  • Bei einer Notlandung oder auch nur bei einer unsanften Landung wegen Sturm könnt ihr euch ebenfalls die Folgen ausmalen.
Sicher fliegen mit Kleinkind

Schlechtwetter-Landungen sind kein Vergnügen – das weiß, wer sie schon erlebt hat. (Quelle: ionutscripcaru auf pixabay)

Macht euch also keine Illusionen: Ein ungesichertes Kind knallt im Ernstfall quer durchs Flugzeug – mit allen daraus folgenden Verletzungen bis hin zum Tod.

Deswegen gibt es den Loop-Gurt, ein Schlaufengurt, der in euren Gurt eingeklinkt wird, wenn ihr das Kind auf dem Schoß habt. Klingt erst mal gut. Der TÜV Rheinland hat jedoch in einem Crash-Test bewiesen: Dieser Gurt schützt zwar Passagiere vor herumfliegenden Kindern, tötet aber im Ernstfall euer Kind – z. B. beim Startabbruch der Maschine. Warum? Seht euch den Film dazu an, der zeigt es sehr deutlich und erklärt außerdem, warum der Loop-Gurt wieder erlaubt ist, obwohl Deutschland ihn 1998 verboten hatte.

Ihr könnt euch natürlich auch auf die Infos von Flughäfen und Fluggesellschaften verlassen: Der Flughafen Berlin Brandenburg z. B. formuliert die Lebensgefahr durch Loop-Gurte so: „Die Sicherheit des Gurtes ist allerdings umstritten.“

Fazit für Kinder unter zwei Jahren: Im Erstfall sterben sie oder werden schwer verletzt, solange ihr nicht einen separaten (meist kostenpflichtigen!) Sitzplatz für sie bucht und sie dort gut sichert. Wie, das erfahrt ihr unten.

Sicher fliegen mit Kleinkind

Kinder unter sieben Jahren fliegen ohne spezielles Kinderrückhaltesytem lebensgefährlich. (Quelle: aditomo68 auf pixabay)

Wenn die Kinder zwei Jahre und älter sind, wird es nicht besser: Der Beckengurt ihres Sitzplatzes ist für Erwachsene ausgelegt; bei Kindern unter sieben Jahren sitzt er genau zwischen Becken- und Rippenknochen und quetscht im Ernstfall die Weichteile, sodass innere Blutungen entstehen können. Auch dadurch kann ein Kind sterben (siehe auch den Film oben).

Deswegen gilt auch für Kinder mit eigenem Sitzplatz: Der allein reicht nicht!

Sicher fliegen mit Kleinkind – so geht’s!

Wir haben gesehen: Wie beim Autofahren braucht euer Kind beim Fliegen auch über das Alter von zwei Jahren hinaus ein geeignetes Kinderrückhaltesystem. (Eigentlich logisch, oder? Warum sollten für ein Flugzeug andere physikalische Gesetze gelten als für das Auto?)

Sicher Fliegen mit Kleinkind erfordert also zwei Maßnahmen:

  1. Ihr bucht einen separaten Sitzplatz für euer Kind – immer.
  2. Ihr bringt ein taugliches Rückhaltesystem mit.

Für Letzteres habt ihr zwei Möglichkeiten:

  1. Ihr nehmt euren Kindersitz oder eure Babyschale mit ins Flugzeug, den/die euer Kind auch im Auto nutzt. Wichtig: Dieser Sitz/diese Schale braucht das „Safe for use in aircraft“- Siegel des TÜV. Und: Ihr müsst bei der Fluggesellschaft nachfragen, ob sie euren Sitz genehmigt, und euch eine schriftliche Bestätigung für den Check-In geben lassen. Mehr Infos erhaltet ihr auch vom TÜV oder beim Luftfahrt-Bundesamt.
  2. Wenn ihr mit der Bahn zum Flughafen fahrt oder auch so schon genug Gepäck habt, dann nehmt die Methode der zweiten Wahl – allerdings nur geeignet für Kinder, die schon sitzen können: ein Gurtsystem mit FAA-Zertifizierung speziell fürs Flugzeug. Es ist weniger sicher als der Kindersitz, denn der Kopf des Kindes schleudert im Ernstfall unkontrolliert: Seitenaufprallschutz etc. gibt es bei dem Gurtsystem natürlich nicht. Dafür ist es platzsparend und leicht anzubringen – das Video zeigt das.

Wenn ihr es weniger teuer oder weniger umständlich haben wollt bei gleicher Sicherheit für euer Kind, gibt es noch folgende Alternative: Fliegt nicht mit euern Kindern, bis sie alt/groß genug sind für die Erwachsenen-Gurte.

Wie oft kommt es zu Verletzungen und Todesfällen bei unzureichend gesicherten Kindern im Flugzeug?

Mancher von euch mag denken: Wenn im Flugzeug was passiert, sind wir eh alle tot. Zynisch – und falsch. Das habe ich versucht, oben klarzumachen durch die Beispiele des Ernstfalls.

Trotzdem hat mich die Frage nach der Häufigkeit der Fälle auch interessiert, aber es gibt keine klaren Statistiken dazu. Die ZEIT schreibt in einem Artikel: „In Europa ist, soweit bekannt, in den letzten zehn Jahren kein einziges Kind in einem Schlaufengurt auf dem Schoß der Eltern zu Schaden gekommen.“ Dagegen sterben mehr als 18.000 Kinder jährlich in Europa im Straßenverkehr – und wir fahren trotzdem Auto mit ihnen.

Sicher fliegen mit Kleinkind

Die ECE-Nummer auf eurem Kindersitz oder auf eurer Babyschale ist wichtig für die Fluggesellschaft, wenn Sitz oder Schale anmelden wollt.

Allerdings werden Fälle von Verletzungen oder Tod bei Kindern im Flugzeug auch oft geschönt oder vertuscht, sagt eine Stewardess, die sich für mehr Kindersicherheit im Flugzeug einsetzt.

Fazit: Verlässliche Aussagen lassen sich nicht finden. Wäre der Tod von Kindern beim Fliegen ein häufiges Phänomen, wäre es bekannter und die Gesetzesmacher könnten nicht mehr so viel Rücksicht auf den Profit der Fluggesellschaften nehmen, wie sie es aktuell noch tun. Aber letztlich ist es ja egal, wie viele Kinder es betrifft: Es reicht, wenn es eins erwischt – eures.

Klappt es mit dem Kindersitz im Flugzeug?

Eigentlich wollte ich mit dem Artikel warten, bis ich weiß, ob es mit der Anmeldung des Rückhaltesystems bei unserer Fluggesellschaft klappt. Aber die Sommerfreien stehen vor der Tür und ich habe noch keine Rückmeldung auf meine Mail von Mai. Dass sie ans Bodenpersonal weitergeleitet wurde und bearbeitet wird, habe ich allerdings telefonisch erfahren.

Wir wollen mit TUIfly fliegen, daher habe ich dem Servicecenter die E-Mail-Anfrage geschickt, ob wir unseren Kindersitz (Siegel ECE R44/04 als Foto beigefügt) oder einen Spezialgurt (Link beigefügt) benutzen dürfen. Außerdem habe ich sie gebeten, mir ggf. die erforderlichen Unterlagen für den Check-In zu liefern.

Da die Mindestanmeldefrist für Kinderrückhaltesysteme in unserem Fall bei zwei Tagen vor Abflug liegt, frage ich kurz vorher noch mal nach, sollten die sich nicht melden. Ich hoffe also, dass wir bald mit gutem Gefühl in den Urlaub starten können – und diese Tipps werden wir dabei berücksichtigen.

Ein Gedanke zu „Sicher Fliegen mit Kleinkind

  1. Sehr interessanter Artikel. Hoffe Sie veröffentlichen in regelmäßigen Abständen solche Artikel dann haben sie eine Stammleserin gewonnen. Tipps sind immer sehr hilfreich 🙂 Danke dafür

Kommentare sind geschlossen.