Spielen mit Flüchtlingskindern in Rheine

Interview mit Sozialarbeiter und Trauma-Therapeut zu Spielplatz-Begegnungen

Bild: Auf dem Spielplatz wird es bunt: Flüchtlingskinder mischen sich unter die Kinder, die hier geboren sind. (Quelle: Alexas_Fotos auf pixabay)

Der Spielplatz an der Darbrookstraße ist einer der nächsten von der Damloup-Kaserne aus gesehen, wo viele Flüchtlinge notuntergebracht sind. Deswegen sind auch oft Flüchtlingsfamilien auf dem Spielplatz, den wir am häufigsten besuchen. Klar, dass ich mich mit diesen Familien nicht so unterhalten kann wie mit Menschen, deren Sprache ich spreche und deren Lebensumstände ich zu einem Großteil teile.

Spielen mit Flüchtlingskindern in Rheine

Auf dem Spielplatz an der Darbrookstraße sind viele Flüchtlingskinder, da die Damloup-Kaserne nah ist.

Aber das allein irritiert nicht: Manchmal haben sich beim Spielen mit Flüchtlingskindern Situationen ergeben, die mich verunsichert haben und mir gezeigt haben, wie wenig Erfahrung ich im interkulturellen Umgang habe. Wenn wir mit unserer einjährigen Tochter eintreffen, kommen jedes Mal Flüchtlingskinder, vor allem Mädchen, und nehmen unsere Tochter zum Spielen mit. Von Kindern, die hier aufwachsen, sind wir Eltern deutlich mehr Distanz und Zurückhaltung gewohnt.

Wegen solcher Erfahrungen habe ich Leonhard Lotze aufgesucht, der eine Infoveranstaltung zum Thema Flüchtlingskinder gehalten hatte. Leonhard Lotze, Diplom-Sozialarbeiter und Trauma-Therapeut, arbeitet in einem der drei Teams in der Psychologischen Beratungsstelle der Caritas Rheine. Die Teams sind nach Altersgruppen zwischen 0 und 26 Jahren unterteilt: Früher kümmerte sich Leonhard Lotze um Jugendliche und junge Erwachsene, seit einigen Jahren um Kinder im Vorschulalter.

Herr Lotze, können wir überhaupt ein Interview über „die“ Flüchtlinge führen?

Das ist schwer, man kann nicht sagen: So sind „die“ Flüchtlinge. Sie kommen teils als Familien, teils als Einzelpersonen, entstammen verschiedenen Ländern und Kulturen, haben einen unterschiedlichen Bildungsstatus und unterschiedliche Erfahrungen hinter sich. Man muss jeden Flüchtling immer im Einzelfall sehen.

Spielen mit Flüchtlingskindern in Rheine

Leonhard Lotze berät Familien in Erziehungsfragen – und kennt sich als Sozialarbeiter und Traumatherapeut auch mit Fragen rund um Flüchtlingsfamilien aus.

Wir versuchen es trotzdem mal: Dass Kinder sie an die Hand nehmen, herumtragen und in die Schaukel setzen, lässt sich unsere Tochter gern gefallen. Es kam aber auch schon vor, dass ein Vater aus einer Flüchtlingsfamilie sie völlig unbedarft auf den Arm nahm und mit ihr schäkern wollte. Da fing sie erschrocken an zu weinen. Wie gehen wir als Eltern mit einer solchen Situation um?

Zunächst einmal würde ich dies als einen Versuch der Kontaktaufnahme begreifen, häufig scheint dies über Kinder einfacher zu sein. Dennoch würde ich gucken, wie geht es meinem Kind damit, und in Ihrem Fall könnten Sie dann freundlich und entschieden sagen: „She does not like it!“ Es scheint oft so zu sein, dass die Familien sehr herzlich sind und es überhaupt nicht böse meinen. Aber als Eltern müssen Sie ja erst mal auf das achten, was für Ihr Kind gut ist.

Sie können die Situation aber natürlich als Anlass nehmen, mit dem Vater ins Gespräch zu kommen: Fragen Sie ihn zum Beispiel, woher er kommt oder fragen Sie ihn etwas über seine Kinder. Der Spielplatz ist ja öffentlicher Raum, der Kontakt im privaten Umfeld ist wesentlich schwieriger, da gibt es viele Fallstricke zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen. Manches weiß man einfach nicht und kommt nicht mal darauf, dass es schwierig sein könnte, deswegen ist es wichtig, dass wir aufeinander zugehen, dabei unsere eigenen Grenzen achten und voneinander lernen.

Spielen mit Flüchtlingskindern in Rheine

Das Verständnis von Mein und Dein entwickelt sich erst ab einem bestimmten Alter – egal aus welcher Kultur Kinder stammen. (Quelle: cherylholt auf pixabay)

Wen wir Sandspielzeug mitbringen, dürfen damit natürlich auch andere Kinder spielen. Einmal ist eins der Flüchtlingskinder mit unserem Eimer vom Spielplatz gelaufen. Es war sofort wieder da, hatte nur nach seinen Geschwistern Ausschau gehalten, aber kurz habe ich gedacht: Weiß das Kind, dass geliehene Förmchen und Schäufelchen nicht geschenkt sind?

Das Verständnis von Mein und Dein kommt ja erst mit einem bestimmten Alter – und zwar bei allen Kindern, kulturunabhängig, das ist ein Entwicklungsprozess. Ich glaube schon, dass in vielen Flüchtlingsfamilien mehr geteilt wird, als es bei uns üblich ist. Letztlich ist es egal, mit welchem Besitzverständnis Familien hier ankommen, es ist ein Lernprozess, unsere Gegebenheiten zu verstehen und zu akzeptieren. Ich kann nicht empfehlen, Spielsachen zu verschenken, nur weil mein Gegenüber eine andere Sichtweise von Besitz hat. Es ist fürs Zusammenwachsen wichtig, dass die Menschen, die als Flüchtlinge zu uns kommen, lernen, wie wir hier regelhaft mit Dingen umgehen. Denn der Integrationsprozess findet ja hauptsächlich im Alltag statt.

Aus den Schulen, in denen Flüchtlingskinder integriert werden, hört man, dass ein Probe-Feueralarm Flüchtlingskinder in helle Panik ausbrechen lassen kann. Welche Alltagssituationen könnten Flüchtlingskindern ebenfalls Angst machen, die unsere Kinder gleichgültig lassen?

Menschen, die belastende oder traumatische Situationen erlebt haben, setzen oft die Hauptstrategie ein, diese Erfahrungen zu unterdrücken. Sie werden eher zufällig durch bestimmte Reize aktiviert, wovon genau, das hängt von den Erlebnissen des Einzelnen ab. Wer Krieg erlebt hat, der fürchtet sich vielleicht, wenn er Sirenen hört oder Feuerwerk. Wer mit dem Boot oder eingesperrt in einem Container zu uns gekommen ist, hat vielleicht Angst in geschlossenen Räumen. Und wer Gewalt erfahren hat, wird daran manchmal schon durch bestimmte Gerüche erinnert.

Auf mich wirken vor allem Flüchtlingsväter oft verunsichert, ziehen sich in eine Ecke des Spielplatzes zurück. Woran könnte das liegen?

Ich erlebe im Beratungsprozess oft, dass der Vater das Gespräch führt und die Muter dabei sitzt, obwohl sie in der Hauptsache mit der Kindererziehung beschäftigt ist. Wir sollten das aber nicht als generelle Aussage werten, sondern offen sein für den Kontakt. Vor 23 Jahren war ich übrigens einer der ersten Väter, die Erziehungsurlaub nahmen, und war dadurch viel mit meinen Kindern auf dem Spielplatz. Mir ist aufgefallen, dass die Mütter, obwohl sie einander nicht kannten, viel schneller ins Gespräch kamen. Ich hab mich lieber mit meiner Zeitung auf die Bank gesetzt. Dieses zurückhaltende Verhalten scheint also kein Flüchtlingsvater-Phänomen zu sein, sondern es gibt es bei Vätern hier ähnlich.

Spielen mit Flüchtlingskindern in Rheine

Kinder verstehen sich oft schneller als Erwachsene – auch wenn sie verschidene Sprachen sprechen. (Quelle: AdinaVoicu auf pixabay)

Gibt es generelle Tipps, die wir Eltern beim Spielen mit Flüchtlingskindern beachten sollten?

Wir sollten daran denken: Jede Situation, die sich zwischen uns und Flüchtlingen ergibt, ist nicht nur für uns Deutsche neu, sondern noch mehr für die Flüchtlinge. Beide Seiten müssen zusammenwachsen und Alltagessituationen bieten die beste Möglichkeit, Sicherheit im Umgang miteinander zu entwickeln. Schade fände ich es auf jeden Fall, wenn Eltern aus Unsicherheit Orte meiden würden, an denen sich Flüchtlinge aufhalten.

Knifflige Situationen gibt es auf dem Spielplatz ja nicht nur beim Spielen mit Flüchtlingskindern: Die Kinder anderer Eltern auf dem Spielplatz zurechtweisen, wenn sie z. B. das eigene Kind mit Sand bewerfen, ist immer eine heikle Angelegenheit. Wir wissen nie, ab wann sich andere Eltern in ihrer Erziehungsbefugnis beschnitten fühlen oder wann sie ganz froh sind, wenn jemand Fremdes das eigene Kind zurechtweist.

Solches Verhalten bei Kindern hat oft mit Entwicklungsaufgaben in einem bestimmten Alter zu tun und deutet nicht gleich auf ein aggressives Kind hin. Ich versuche immer, Eltern Mut zu machen, nicht immer sofort einzugreifen, sondern die Kinder erst mal ausprobieren zu lassen, wie sie die Situation vielleicht selbst lösen – solange es nicht gefährlich wird. Wenn klar ist, dass das eigene Kind mit der Situation nicht zurechtkommt, sollte man erst einmal das eigene Kind aus der Situation befreien. Was das andere Kind angeht, können Sie am besten mit seinen Eltern reden, damit sie Einfluss nehmen auf ihr Kind.

Spielen mit Flüchtlingskindern in Rheine

Konflikte auf Spielplätzen gibt es nicht nur zwischen Familien unterschiedlicher Herkunft, sondern auch zwischen Eltern oder Kindern, die sämtlich hier sozialisiert sind. (Quelle: Ben_Kerckx auf pixabay)

Was macht eigentlich die Psychologische Beratungsstelle der Caritas, wenn sie mir nicht gerade ein Interview zum Spielen mit Flüchtlingskindern gibt?

Wir bieten Erziehungsberatung für Eltern, Kinder und Jugendliche. Kinder und Jugendliche können auch in schwierigen Situationen allein zu uns kommen, ohne dass ihre Eltern das wissen. Diese Beratung ist generell kostenfrei. Man kann einfach anrufen (05971 862-261) oder vorbeikommen und bekommt relativ zeitig einen Termin – in Krisensituationen sogar noch in derselben Woche oder am selben Tag. Das können z. B. Trennungen sein oder Schulverweigerung. Wenn wir am Anfang schnell eingreifen, bleibt oft allen Beteiligten viel Arbeit erspart. Heute holen sich Familien auch viel schneller Hilfe als vor 27 Jahren, als ich hier angefangen habe. Es ist viel normaler geworden, sich beraten zu lassen.

Herr Lotze, herzlichen Dank für das Gespräch!