Die Stadtbibliothek Rheine – mehr als ein großer Bücherschrank

Interview: Angebote für Eltern und Kinder übers Lesen hinaus sowie Tipps fürs (Vor-)Lesen

Bild: Für Kinder ist eine Bücherei ein großer Bücherschrank. © Stadtbibliothek Rheine

Lesen bildet – das wird immer wieder betont. Deswegen wollen wir Eltern, dass unsere Kinder möglichst viel lesen. Manche Bücher mögen unsere Kinder so gerne, dass wir den Text schon im Schlaf aufsagen können. Und manche Kinder scheinen Bücher zu verschlingen wie Eis mit Streuseln, ständig muss neuer Nachschub her. Die Stadtbibliothek Rheine ist ein guter Partner für Eltern, die nicht sämtliche Wände mit Bücherregalen pflastern wollen und ihren Kindern dennoch eine große Auswahl bieten möchten. Im Interview mit den Bibliothekarinnen Elsbeth Wigger, der Leiterin der Stadtbibliothek Rheine, und Christel Gößlinghoff, zuständig für die Kinderbibliothek, erfahrt ihr, was die Stadtbibliothek Rheine über Bücher hinaus alles bietet.

Frau Wigger, noch lange bevor unsere Tochter auch nur das geringste Interesse für Bücher aufbrachte, hat sie die Spielecke in der Stadtbibliothek Rheine kennengelernt, wo ich sie zwischen zwei Einkäufen gestillt habe. Warum haben Sie diese Spielecke eingerichtet und wofür nutzen Eltern sie nach Ihrer Erfahrung?

E. W.: Als Spielecke haben wir diesen Bereich gar nicht gedacht. Wir nennen diesen Bereich „Himmel“ – gemeint ist der Lesehimmel. Hier ist Platz für Vorleserunden, für Kindergartengruppen, für ganze Schulklassen. Die Kinder kommen hier zusammen und erfahren, was die Bibliothek ihnen zu bieten hat, wie man sein Lieblingsbuch oder -hörbuch finden kann und was man tun muss, um es mit nach Hause nehmen zu dürfen. Bei Vorleseaktionen erleben die Kinder, wie Literatur wirkt.

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Im Lesehimmel finden regelmäßig Vorleseaktionen statt. © Stadtbibliothek Rheine

Wenn im „Himmel“ keine Veranstaltungen stattfinden, wird in diesem Bereich gern gespielt – aber als Alternative zum „Bällebad“ im Möbelhaus ist der „Himmel“ nicht gedacht. Wir freuen uns, wenn Eltern sich auf den roten Vorlesesessel setzen und ihren Kindern – und vielleicht auch anderen – etwas vorlesen oder gemeinsam ein Buch ansehen.

Das Interesse für Bücher beginnt bei Kindern ja schon, lange bevor sie selbst Lesen lernen. Frau Gößlinghoff, was ist wichtig, wenn wir Eltern unsere Kinder mit Büchern vertraut machen?

C. G.: Ganz einfach: Eltern sind die großen Vorbilder der Kinder. Also sollten die Kinder ihre Eltern auch immer mal wieder in ein Buch vertieft erleben, Lesen als selbstverständliche Tätigkeit betrachten.

Ganz wichtig finde ich, den Kindern frühzeitig Lese-Anreize bzw. Medien-Anreize zu bieten: Pappbilderbücher für die Kleinen, Bilderbücher, Vorlesegeschichten, Hörgeschichten, Lieder … Beteiligen Sie die Kinder bei der Medienauswahl – der Bibliotheksbesuch mit der ganzen Familie kann ein Ritual werden. Und schimpfen Sie nicht, wenn Ihr Kind das Baggerbuch zum dritten Mal ausleihen möchte …

Was können Eltern tun, die selbst nicht gerne vorlesen?

C. G.: Jeden Mittwoch bieten wir von 15.20 bis 15.45 Uhr Vorlesestunden für Kinder ab 4 Jahren und Eltern an, die „Sternstündchen“. Hier können Kinder erfahrenen Vorlesern lauschen und Eltern sich Anregungen holen für ihre Vorlesezeit daheim. Stammgäste erhalten für jede Teilnahme „Sternenlöcher“ in ihrem Vorleseheft und eine Urkunde, wenn sie zehn davon gesammelt haben.

Und natürlich haben wir jede Menge Hörbücher im Bestand, von Schauspielern und anderen ausgebildeten Menschen gesprochen – eine wunderbare Möglichkeit nicht nur für Kinder, sich etwas vorlesen zu lassen. Das können Kinder und Eltern ja auch gemeinsam anhören …

Welche Aktionen gibt es außerdem regelmäßig in der Stadtbibliothek Rheine für Kinder und junge Leser?

C. G.: In den Sommerferien laden wir die „großen“ Kinder zu unseren Sommerleseclubs ein. Grundschulkinder können beim „JuniorLeseClub“ mitmachen – sie lesen in den Ferien Bücher aus der Stadtbibliothek, tragen diese Bücher in ihr „Leselogbuch“ ein und bekommen auf der sehr beliebten Abschlussparty eine Urkunde.

Bei Kindern und Jugendlichen, die eine weiterführende Schule besuchen, ist das Angebot ein bisschen anspruchsvoller: Wir bieten ihnen einen ausgewählten Bestand mit ganz neuen Romanen an. Nur Sommerleseclub-Mitglieder können diese Bücher ausleihen und „beweisen“ uns ihre erfolgreiche Lektüre, indem sie bei der Buchrückgabe drei Fragen zum Buchinhalt beantworten. Wer mindestens drei Einträge in seinem Leselogbuch hat, bekommt auf der ultimativen Abschlussparty ein Zertifikat. Das kann man in der Schule vorzeigen – und die meisten Schulen führen die Teilnahme am Sommerleseclub als AG auf dem nächsten Zeugnis auf.

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Für den Sommerleseclub suchen sich Kinder die Bücher selbst aus, die sie lesen wollen. © Stadtbibliothek Rheine

Nur in den Sommerferien laden wir Kinder im Grundschulalter zu Sternstunden ein: 45-minütige Vorleseangebote speziell für sie. Wenn die Queen zum Tee kommt, trinken alle Gäste zum Abschluss zusammen Tee und essen echtes englisches Gebäck …

In diesen Sommerferien planen wir mit Unterstützung unserer freiwilligen Vorleserinnen und Vorleser erstmals wieder einen Aktionsvormittag: Vorlesen, Spiele, Quiz, Essen und Trinken rund um Pippi Langstrumpf – gelebte Literatur sozusagen.

Ich bin mit der Raupe Nimmersatt und Onkel Tobis Landpartie aufgewachsen. Können Sie ein, zwei moderne Bücher empfehlen, die für Kleinkinder oder Kindergartenkinder besonders geeignet sind?

C. G.: Das finde ich immer ganz schwierig … Es gibt so viele tolle Bücher – und immer wieder neue Titel! Und jeder hat einen anderen Geschmack … Wer es sich ganz einfach machen möchte, findet bei unseren Bilderbüchern in der Kinderwelt eine Rubrik „Klassiker“. Da warten „Raupe Nimmersatt“, „Der kleine Eisbär“„Mama Muh“, „Pettersson und Findus“ usw. auf Leserinnen und Leser.

Ich verlasse mich gern auf Empfehlungslisten – zum Beispiel die „Spiegel“-Bestsellerliste, Empfehlungen in Elternzeitschriften, den Deutschen Jugendbuchpreis, die alljährlichen Flyer des „Leipziger Lesekompasses“ usw. Wir haben in unserem Katalog einen Link zu den Flyern hinterlegt, so dass auch Eltern diese Informationen ganz schnell abrufen können.

Unsere Kinder sehen uns heute öfter mit einem Tablet oder Smartphone in der Hand als mit einem Buch. Wie können wir unserer Vorbildfunktion in Zeiten neuer Medien gerecht werden?

E. W.: Man kann sich als Erwachsener in ein Buch „vergraben“ genauso wie man sich von Phone oder Tablet vereinnahmen lasse kann. Wichtig scheint mir zu sein, gemeinsam mit den Kindern die vielfältigen Medien, die uns heute umgeben, zu nutzen und kennenzulernen.

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Viele Bücher regen zur kreativen Auseinandersetzung mit dem Inhalt an. © Stadtbibliothek Rheine

Worin sehen Sie den Unterschied für Kinder zwischen einem Buch und einem Tablet oder E-Book-Reader?

C. G.: Da bin ich als Vertreterin der Generation 60 plus befangen bzw. nicht wirklich kompetent: Ich bevorzuge beim Lesen etwas zum Anfassen, das leichte Vor- und Zurückblättern, die Farbigkeit der Illustrationen, das Gefühl und vielleicht auch den Geruch des Papiers … Und ganz wichtig beim Vorlesen: das Gespräch mit dem Kind!

Das Lesen per Tablet liefert natürlich ganz neue Möglichkeiten, weil viele Verlage Animationen, Geräusche, Spiele, Rätsel, Puzzle anbieten. Gut für das gemeinsame „Lesen“ mit der ganzen Familie, finde ich – nur: Bitte kleine Kinder nicht mit dem Tablet, E-Book-Reader oder PC allein lassen!

Manchmal habe ich in der Stadtbibliothek Rheine ein Buch in der Hand, das ich deswegen weglege, weil ich es langweilig finde – ohne zu testen, ob unsere Tochter es vielleicht mag. Was muss ein Kinderbuch haben, damit Eltern es gerne vorlesen oder anschauen?

C. G.: Ich finde es auch schwierig, ein Buch anzuschauen oder vorzulesen, das mir nicht gefällt – und Kinder haben ein feines Gespür dafür, ob ihre Erzieher das jeweilige Buch mögen. Aber ich habe schon oft erlebt, dass aus dieser Fremdheit Neuentdeckungen werden – plötzlich finde ich z. B. den Illustrationsstil dann doch nicht mehr nur merkwürdig… Einfach mal ausprobieren – nicht nur an den eigenen Vorlieben ausrichten, denn die Autoren und Illustratoren entwickeln immer neue Ideen!

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In der Lesehöhle können sich Kinder und Jugendliche in die Phantasiewelten ihrer Lieblingsbücher zurückziehen. © Stadtbibliothek Rheine

Seit Jahrzehnten gibt es viele Lesestart-Reihen, die habe ich immer ignoriert und mich durch den Bücherschrank meiner Mutter gelesen. Wie sollten Eltern damit umgehen, wenn ihre Kinder nach Büchern verlangen, die für ihr Alter noch gar nicht gedacht sind? Woher wissen wir, ob ein Kind reif ist für ein Buch?

E. W.: Kinder entwickeln sich nicht alle gleich. Deshalb kann man keine allgemeingültigen Altersempfehlungen für die Lektüre von Büchern aussprechen. Kinder lesen von sich aus keine Texte, die ihnen nichts sagen. Wenn Kinder den Bücherschrank der Eltern plündern, dann sollten die Eltern mit ihren Kindern über die Lektüre sprechen. Das kann bereichernd für Eltern und Kinder sein.

Haben Sie einen Tipp, welche Bücher Erstlesern heute besonders Spaß machen?

C. G.: Auf dem Buchmarkt erscheinen immer mehr Erstlesebücher zu bekannten Kinderserien wie dem Drachen Kokosnuss, dem Sams, den Olchis, den Teufelskickern, Hexe Lilli, Wickie usw. Häufig kennen die Kinder diese Figuren aus anderen Zusammenhängen – und schon ist der Leseanreiz da!

Außerdem gibt es immer mehr Verlagsreihen, die das gemeinsame Lesen von Kindern und Eltern fördern: „Erst ich ein Stück, dann du“, „Ich für dich, du für mich“ und andere Reihen vermischen Absätze in Großdruck – die Zeilen liest das Kind – und Absätze in Normalschrift für die vorlesenden Eltern. Und dann gibt’s auch immer mehr Comics zum Lesenlernen.

Klar, Harry Potter und die Tribute von Panem muss jede Bücherei haben. Aber wonach suchen Sie Kinder- und Jugendbücher aus? Was ist Ihnen wichtig?

C. G.: Die Auswahl der „richtigen“ Bücher und anderen Medien gehört zu meinen Lieblingsaufgaben. Wir sichten den Markt anhand von bibliothekarischen Kritiken – jede Woche bekomme ich einen dicken Stapel mit Besprechungen. Unser Etat und unser Platz reichen nie, um all die Medien zu kaufen, die ich gern kaufen würde … und dann auch noch zerlesene Klassiker nachzukaufen, gern gelesene Titel ausreichend zu staffeln … Da wird es dann manchmal kompliziert …

Also schaue ich mir die Verkaufstendenzen im Buchhandel, die Cover, die schon genannten Empfehlungslisten an und versuche, die richtige Entscheidung zu treffen.

Ganz wichtig finde ich auch die Wünsche unserer Kunden – egal, ob Kinder, Jugendliche oder Erwachsene!

Durch das moderne Ausleihverfahren können wir Eltern die Stadtbibliothek Rheine nutzen, ohne Ihnen oder Ihrem Team auch nur „hallo“ zu sagen. Wann lohnt es sich, Sie doch einmal anzusprechen?

C. G.: Ich hoffe, es lohnt sich immer! Natürlich haben wir nicht alle Bücher gelesen, alle Spiele ausprobiert, alle Filme geguckt, alle Hörbücher gehört … Aber wir helfen gern, ein gesuchtes Medium zu finden, empfehlen Medien, stellen Medienboxen für Kindertagesstätten und Schulen zusammen … Und natürlich möchten wir gern wissen, wie unsere Besucherinnen und Besucher unser Angebot erleben, was sie sich wünschen, was sie vielleicht nicht gut finden …

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Das Ausleihen am Automaten ist kinderleicht. © Stadtbibliothek Rheine

Nun haben wir viel über Kinderbücher gesprochen. Wie sieht es mit Elternbüchern aus?

E. W.: Die haben wir natürlich auch. In der Abteilung „Elternwerden“ stehen alle Medien zu dem Thema übersichtlich beieinander, vom Namensbuch bis zum Ernährungsratgeber für Babys – zu finden im Regal 53 und im Katalog unter der Rubrik „Medientipps, Themenbibliothek“. Und hier dann bitte „Eltern werden“ anklicken.

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Zwei ganze Regale in der Stadtbibliothek Rheine widmen sich dem Thema „Eltern werden“.

Zum Thema Erziehung bietet die Bibliothek im Bereich „Pädagogik“ ebenfalls ein breites Angebot im Regal 11 bis 12. Darüber hinaus besteht immer die Möglichkeit, im Katalog nach dem gewünschten Thema zu suchen – oder uns zu fragen. Wir beraten gern!

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Gut sortiert und aktuell sind die Bücher in der Abteilung „Pädagogik“. Was hier steht, hat Hand und Fuß, denn die Bibliothekarinnen wählen sorgfältig aus – ein Vorteil zu vielen Informationen im Internet.

Die Stadtbibliothek Rheine hat in der Vergangenheit bei Bücherei-Vergleichen immer recht gut abgeschnitten. Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich mit Blick auf Ihr junges Publikum für die Stadtbibliothek Rheine wünschen?

E. W.: Wir stellen fest, dass der Raum, der älteren Kindern und Jugendlichen in der Bibliothek geboten wird, nicht ausreichend ist. Während den kleineren Kindern mit „Himmel“ und „Höhle“ besondere Orte geboten werden, fehlt ein besonderer Ort für die älteren Kinder und für Jugendliche in der Bibliothek.

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Wie das mit der Ausleihe geht, zeigt Christel Gößlinghoff Kindern gern. © Stadtbibliothek Rheine

Zuletzt die Frage: Was kostet Familien die Benutzung der Stadtbibliothek Rheine?

E. W.: Für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre ist die Ausleihe kostenlos, Erwachsene zahlen 15 Euro im Jahr. Es sei denn, sie besitzen einen Familienpass, dann zahlen sie pro Jahr nur 11,25 Euro. Den Familienpass gibt’s im Bürgerbüro der Stadt Rheine. Das Anmeldeformular und weitere Informationen über die Nutzung sind online abrufbar.

Vielen Dank für das tolle Gespräch!

Für Eltern, die gern selbst Geschichten erfinden, gibt’s hier ein paar Tipps!