Stress bei Kindern – was können Eltern tun?

Interview mit Prof. Dr. Holger Domsch, Autor des neuen Buchs „Kinder im Stress“

Bild: So fröhlich geht es nicht immer zu: Auch Stress bei Kindern gibt es. © Pressestelle FH Münster

Kürzlich erreichte mich eine Pressemitteilung zur Neuerscheinung des Buchs „Kinder im Stress. Wie Eltern Kinder stärken und begleiten“ – einer der Autoren kommt aus der „Nachbarschaft“, aus Münster. Da ich nicht einfach die Pressemitteilung drucken wollte, habe ich Prof. Dr. Holger Domsch, Diplompsychologe an der Hochschule Münster und ehemals Berater der Schulpsychologischen Beratungsstelle Münster, kurz am Telefon zu Stress bei Kindern interviewt.

Stress bei Kindern

© Pressestelle FH Münster

Herr Professor Domsch, Ihr Buch liefert eine umfassende Anleitung für Eltern von Hintergrundinformationen für Stress bei Kindern bis hin zu praktischen Tipps gegen Stress bei Kindern. Die Kapitel nehmen Stress unter die Lupe, behandeln, was Kinder stresst, erklären Stresswirkungen, geben Hilfen gegen Stress (was Kinder tun können und was Eltern tun können) und liefern sogar so schöne Ideen wie Entspannungsgeschichten für Kinder, die Eltern einfach vorlesen können. Außerdem behaupten Sie nicht nur, verständlich zu schreiben, Sie tun’s auch – das finde ich sehr schön.

Danke, das freut mich.

Stress bei Kindern

Prof. Dr. Holger Domsch (Foto: FH MünsterWilfried Gerharz)

Zwischen der ersten und der nun erschienenen zweiten Auflage des Buches zu Stress bei Kindern liegen ein paar Jahre – was hat sich zwischen den Ausgaben geändert?

In der ersten Ausgabe hatten wir das Kinder- und Jugendalter zusammengefasst; die Neuerscheinung behandelt jetzt nur das Kindesalter bis ca. 12 Jahre. Das Buch zum Jugendalter folgt bald.

Im Buch nennen Sie den Streit mit Freunden als eine Situation, die Kinder sehr stark stressen kann, die von Eltern aber gar nicht immer als so stressend wahrgenommen wird. Kommt es häufig vor, dass Kinder und Eltern dieselbe Situation bezogen auf Stress so unterschiedlich einschätzen?

Sicherlich ist es so, dass Situationen von verschiedenen Menschen immer unterschiedlich wahrgenommen werden: Je nachdem welche Gedanken und Assoziationen ein Mensch zu einer Situation hat, löst das unterschiedliches Stress-Erleben aus, das ist normal.

Stress bei Kindern

Streit unter Freunden kann ein Kind sehr stressen, denn es möchte zur sozialen Gruppe gehören. (Quelle: denise_is_here auf pixabay)

Und dann gibt es Phasen im Kindesalter, da sind bestimmte Ängste typisch: die Fremdelphase bei kleinen Kindern zum Beispiel. Für die Eltern ist das einfach Onkel Peter, aber für das Kind ist das ein Mann, der ganz anders aussieht als Papa, weil Onkel Peter vielleicht einen Bart trägt und Papa nicht.

In der Grundschule ist der zunehmende Vergleich mit anderen Kindern, was Stress auslösen kann, also die soziale Situation und ihre Bewertung. Im Kindergarten hat das Kind vielleicht noch gesagt: „Ich bin schnell!“, in der Schule fällt ihm dann auf: „Paul ist aber schneller als ich … es gibt ganz schön viele Kinder, die schneller sind als ich.“ Soziale Vergleiche werden in diesem Alter also immer bedeutsamer. Dementsprechend können sie beim Kind auch entsprechend mehr Stress auslösen. Als Elternteil steht man gelassen daneben und denkt stattdessen: „Richtig, Paul ist vielleicht schneller als du, aber du kannst schöner malen.“ Dieselbe Situation – zwei unterschiedliche Perspektiven und Bewertungen.

Stress bei Kindern

Wenn für das eigene Kind gerade eine Welt untergeht, sitzen Eltern manchmal verständnislos daneben. (Quelle: markzfilter auf pixabay)

Kommen in die Schulpsychologische Beratungsstelle viele Eltern, die sagen: „Mein Kind erlebt in den und den Situationen Stress, aber ich versteh das gar nicht so richtig“?

Das ist tatsächlich immer wieder der Fall. Schließlich ist der Kontakt zwischen Eltern und Schule oftmals geringer als zwischen Kindergarten und Schule. Im letzteren Fall ergeben sich bereits über die freiere Bring- und Abholsituation mehr Austauschmöglichkeiten. Und fragt man die eigenen Kinder: „Wie war’s in der Schule?“, antworten sie oftmals entweder mit: „Gut.“, oder: „Hab ich vergessen.“ Letzteres macht jegliches Nachfragen unmöglich.

Die Beweggründe von Eltern, eine Schulpsychologische Beratungsstelle aufzusuchen, sind vielfältig: Das Kind reagiert plötzlich aggressiver, hat nachts wiederkehrende Alpträume, ist unkonzentriert oder zeigt Leistungseinbrüche. Manchmal liegen die Ursachen auf der Hand oder die Lehrer haben eine konkrete Idee. Das sind sicherlich immer die ersten Ansprechpartner. Oft kann es hilfreich sein, im gemeinsamen Gespräch mit Eltern und Lehrern mögliche Hintergründe zu beleuchten. Auch ein Unterrichtsbesuch gibt neue Einblicke und Ideen. Manchmal gelingt es damit, besser zu verstehen, wo der Stress herkommt und wie man das Kind am besten unterstützen kann.

Sie würden aber sagen, dass es normal ist, wenn Eltern ihre Kinder nicht immer so ganz verstehen? Kein Anzeichen für eine belastete Eltern-Kind-Beziehung?

Nein, auffällig ist das nicht. Es gibt in der Forschung Symptomlisten, wo Kinder und Eltern ankreuzen können, wie es dem Kind in bestimmten Situationen geht. Es ist immer wieder erstaunlich, wie stark die Einschätzungen von Eltern und Kindern sich hier voneinander unterscheiden.

Stress bei Kindern

Wissen Eltern nicht, warum ihr Kind sich zurückzieht oder traurig ist, sollten sie nachfragen – zuerst das Kind, dann z. B. die Lehrer. (Quelle: PublicDomainPictures auf pixabay)

Die Aufgabe der Eltern bei der Begleitung ihres Kindes ist es, in solchen Situationen den Mut zu haben, nachzufragen: zunächst ihr Kind – mit einer ordentlichen Portion Einfühlungsvermögen und dem Blick für das richtige Timing. Aber auch die Elternsprechtage der Kita bzw. der Schule gilt es wahrzunehmen und zwischendurch einen guten Kontakt zu den Bezugspersonen dort zu halten. Das muss nicht immer der explizit ausgemachte Termin sein. Präsenz zeigen auf Schulfeiern, eine kurze Mail oder ein Satz zwischen Tür und Angel reichen manchmal aus.

Sind Kinder heute gestresster als früher?

Das kann ich so pauschal nicht bejahen. Bis in die 60er und 70er Jahre hinein galten als Erziehungsziele Gehorsam, das gute Benehmen nach außen und die Repräsentation der Familie. Das hat sich gewandelt, heute erwarten wir von Kindern, dass sie sich selbst entfalten, selbstständig sind. Das nimmt auf der einen Seite Druck, kann aber auch wieder neuen Stress aufbauen.

Es gibt jedenfalls keinen eindeutigen empirischen Beleg dafür, dass Stress bei Kindern heute häufiger oder stärker vorkommt. Allerdings leben wir gerade in einer wirtschaftlich unsicheren Zeit und in solchen Zeiten nimmt der Druck auf die schulischen Leistungen immer zu.

Stress bei Kindern

In wirtschaftlich unsicheren Zeiten nimmt der Druck auf Kinder bezogen auf Schulleistungen zu. (Quelle: 422737 auf pixabay)

Was sind denn die häufigsten Stressquellen für Kinder?

Wenn man Kinder befragt, sagen sie: Schulleistungen oder Konflikte mit Freunden.

Und wie wichtig sind Eltern als Vorbilder im Umgang mit Stress?

Ich kann mich an eine Beratungssituation erinnern, die dazu passt: Ein Elternpaar meinte, ihr Kind leide zunehmend häufiger unter Bauchschmerzen, es sei gestresst. Und während der Beratung klingelte fünfmal das Handy – und ich wurde gestresst!

Es ist schon wichtig, wie viel Gelassenheit Eltern im Umgang mit stressigen Situationen zeigen: Können sie z. B. unter Zeitdruck immer noch fröhlich sein? Das hat eine große Bedeutung für die Kinder, an diesem Modell lernen sie, mit eigenem Stress umzugehen.

Stress bei Kindern

Eltern sind Stress-Vorbilder für ihre Kinder. (Quelle: Alexis auf pixabay)

Also müssen Eltern im Sinne ihrer Kinder vor allem gut für sich sorgen?

Es heißt ja im Flugzeug nicht umsonst: Setzen Sie sich erst selbst die Sauerstoffmaske auf und helfen Sie dann Ihrem Kind dabei. Eltern von gestressten Kindern sollten sich schon fragen: Wie ist das bei mir?

Ab wann benötigen Eltern und/oder Kind denn nicht nur Beratung, sondern eine Therapie, wie es sie z. B. in der Tagesklinik in Rheine gibt?

Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Die Schulpsychologische Beratungsstelle sieht sich ja nicht nur das System Familie an, sondern auch das System Schule und fragt: Was braucht das Kind? Welche Absprachen müssen getroffen werden? Ab wann reicht das nicht mehr aus? Gerade die Antwort auf die letzte Frage ist von Faktoren wie z. B. dem Leidensdruck, der Komplexität der Problematik sowie den Ressourcen der Familie etc. abhängig.

Stress bei Kindern

Schulprobleme sind ein häufiger Grund, warum Kinder gestresst und Eltern ratlos sind. © Pressestelle FH Münster

Erziehungsberatungsstellen oder Schulpsychologen unterstützen dann selbstverständlich dabei, genau diese Fragen zu sortieren. Ein wichtiger Ansprechpartner ist natürlich immer auch der Kinderarzt. Unterstützung, die über eine Beratung hinausgeht, bieten niedergelassene Kinder- und Jugendpsychotherapeuten bzw. -psychiater mit dem ambulanten Therapieangebot. Erst wenn das nicht mehr ausreicht oder die Eltern stark überlastet sind mit der Situation, kommt eine Tagesklinik infrage.

Vielen Dank für das Interview!

Wenn ihr mehr zum Buch erfahren oder einfach mal reinlesen wollt, dann schaut mal hier.

Ein Gedanke zu „Stress bei Kindern – was können Eltern tun?

  1. toller beitrag, danke dafür ;). Die fotos treffen das thema so gut. Ja in der Beziehung zu seinen Kindern kommt es immer zu Herausforderungen an denen man viel lernen kann und gemeinsam weiter kommt. Das ist aber wichtig zu wissen

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