Kannst du das? Darfst du das? Will ich das?

Experten-Tipps für Eltern in Rheine zur Verantwortung in der Erziehung

Bild: Eine partnerschaftliche Beziehung zwischen Eltern und Kind stärkt die Persönlichkeit des Kindes (Quelle: TawnyNina auf pixabay).

Verantwortung betrifft zwei Bereiche: die Verantwortung für uns selbst und die für andere Menschen. Je selbstständiger euer Kind wird, desto mehr eurer Verantwortung für es geht über auf euer Kind als Verantwortung für sich selbst. Dieser Prozess erfordert immer wieder Abwägen: Kann mein Kind das schon? Soll es das schon dürfen? Kann ich ihm das zumuten? Solche Fragen stellt ihr euch immer wieder. (Ein Gastbeitrag von Birgit Kummer)

Auf der einen Seite möchtet ihr, dass euer Kind sich an das hält, was ihr ihm sagt. Auf der anderen Seite fordert ihr auch keinen Gehorsam von ihm, wie es eure Großeltern noch von ihren Eltern erfahren haben: Euer Kind soll ja seinen eigenen Kopf haben, sich Autoritäten nicht widerspruchslos fügen, seinen Standpunkt vertreten auch gegen Widerstände und seine Entscheidungen begründet selbst treffen.

Vertrauen, Erziehung

Birgit Kummer schaut ihrem Enkelkind beim Spielen zu.

Eltern heute möchten, dass ihre Kinder eigenständig und kritisch denken, dass sie sich weder unterdrücken noch manipulieren lassen. Ihr möchtet, dass eure Kinder Verantwortung übernehmen – zunächst für sich und später auch für andere. Nur so können sie ein anerkanntes Mitglied unserer heutigen Gesellschaft werden und sich für sich und andere einsetzen. Auf dem Weg dahin gibt es viele Stolpersteine. Die folgenden RHEINE Tipps mögen euch helfen:

Richtet es so ein, dass sich euer Kind seelisch gesund entwickeln kann.

Dazu gehört eine partnerschaftliche Beziehung zwischen Eltern sowie anderen Bezugspersonen und dem Kind. Partnerschaftlich bedeutet: Ihr nehmt einander ernst in euern Bedürfnissen und achtet sie, insofern das Kind bereits in einem Alter ist, da es anderer Bedürfnisse achten kann.

Verantwortung, Erziehung

Auch Großeltern können wichtige Bezugs- und damit Erziehungspersonen sein (Quelle: trishnawacki auf pixabay).

Ein Beispiel: Ein einjähriges Kind weiß gut, wann es satt ist. Dann solltet ihr nicht versuchen, die beiden letzten Löffel Brei doch noch in seinen Mund zu bekommen. Ein vierjähriges Kind sollte umgekehrt akzeptieren, dass Mama sich nach dem Mittagessen eine halbe Stunde zum Lesen zurückzieht und es sich in der Zeit selbst beschäftigt.

Damit ein Kind selbstständig Entscheidungen trifft, muss es lernen, sich eine eigene Meinung zu bilden und bilden zu dürfen. Da Kinder noch nicht alle Folgen ihres Handelns abschätzen können, ist hier eure Unterstützung gefragt: Will euer fünfjähriger Sohn unbedingt sein neues Fußballshirt zum Kindergarten anziehen, solltet ihr es ihm nicht einfach verbieten, da draußen Minusgrade herrschen, sondern seine Entscheidung akzeptieren und mit ihm gemeinsam eine Lösung finden, damit er nicht krank wird (z. B. Langarmshirt unterziehen).

Wenn ihr euer Kind in Entscheidungen einbezieht, ihm erklärt, warum ihr so entscheidet, wird es eure Haltung leichter akzeptieren und später auch selbst eher mit Argumenten statt mit Wutanfällen versuchen, euch von seiner Meinung zu überzeugen.

Haltet an Funktionierendem fest!

Es gibt massenhaft Eltern-Ratgeber und Erziehungs-Spezialisten – mit teils sehr gegensätzlichen Ansichten und Tipps. Lasst euch nicht verunsichern: Wenn etwas nicht funktioniert in eurer Familie, dann holt euch Anregungen und fragt euern Bauch, ob ihr euch mit den Tipps wohlfühlt. Dann passen sie nämlich am ehesten zu euerm Erziehungsstil.

Verantwortung, Erziehung

Kontinuität in der Erziehung gibt Kindern Sicherheit und Orientierung (Quelle: EME auf pixabay).

Aber wenn etwas gut funktioniert, dann ändert es nicht, nur weil eine bestimmte Methode gerade „in“ ist. Das verwirrt euer Kind nur unnötig. Vielleicht hat das Nachbarskind schon in der 2. Klasse seinen Ranzen immer allein gepackt. Falls ihr euch wohler fühlt, wenn ihr das abends mit euerm Kind zusammen macht, bleibt dabei. In der vierten Klasse dann spätestens kann es das sicher selbst.

Ein starkes Kind gibt Widerworte.

So unbequem das auch ist: Damit müssen wir umgehen und Kompromisse finden. Denn wenn euer Kind sich euch widersetzt, erfordert das eine Menge Selbstbewusstsein. Das erlangt es, wenn es spürt, dass ihr ihm etwas zutraut. Dabei erfordert es ein Gespür für euer Kind, damit es sich nicht überfordert fühlt. Es hat mit Vertrauen zu tun, wenn ihr euerm zweijährigen Kind erlaubt, die große Rutsche zum ersten Mal allein hochzusteigen, auch wenn ihr etwas Bammel habt. Und es hat mit Vertrauen zu tun, wenn euer Kind mit der Matheaufgabe zu euch kommt und euch um Hilfe bittet, denn es fürchtet nicht, ihr könntet sagen: „Das solltest du längst selbst lösen können!“

Verantwortung, Erziehung

Wer weiß, dass sein Kind eine eigenständige Persönlichkeit ist, kann Gemeinsamkeiten umso mehr genießen (Quelle: kpgolfpro auf pixaby).

In der eigenen Vorbildhaltung liegen große Chancen.

Wenn ihr euch nach dem Mittagessen die Zähne putzt und beim Radfahren einen Helm tragt, wird euer Kind beides auch gern tun. Und wenn es erlebt, wie ihr die Eisverpackung solange in der Hand tragt, bis ihr einen Mülleimer findet, wird es selbst Abfall auch nicht einfach auf die Straße werfen – und andere Kinder vielleicht sogar daran hindern.

Je älter es wird, desto mehr Verantwortung kann ein Kind übernehmen: Antwortet ein Fünftklässler auf die Frage, ob er seine Zähne geputzt hat: „Klar, Papa!“, dann akzeptiert das, auch wenn ihr das Gegenteil vermutet. Körperhygiene, Schlafenszeiten (selbstständig um neun das Buch weglegen und das Licht löschen) und Essen (Schulbrote essen statt den Schokoriegel vom Kiosk) sind Bereiche, in denen Kinder Verantwortung gut üben können.

Verantwortung, Erziehung

Immer wieder wird es Momente geben, in denen ein Kind seine Eltern als sicheren Hafen ansteuert – egal wie eigenständig es ist (Quelle: lolsanches auf pixabay).

Gleichzeitig seid ihr gefragt, wenn es um gesellschaftliche Werte und Normen geht: Warum sieht der Obdachlose an der Straßenecke so dreckig aus? Kann der sich nicht waschen? Und muss ich meinem Klassenkameraden seinen Flummi wirklich zurückgeben, auch wenn er gar nicht gemerkt hat, dass ich ihn gemopst habe?

Neues aufnehmen und testen.

Die eigene Erziehung ab und zu zu hinterfragen, ist sinnvoll. Neue Anregungen sind besonders dort hilfreich, wo ihr euch bisher wenig auskennt, etwa weil ihr selbst Facebook nicht nutzt, euer Kind aber schon. Oder wenn ihr das erste Mal Taschengeld festlegt.

Verantwortung, Erziehung

Manche Dinge entdecken Eltern am besten mit ihrem Kind zusammen (Quelle: marcisim auf pixabay).

Erziehung braucht Ressourcen.

Keinem Kind ist gedient, wenn seine Eltern sich für es aufopfern. Ein Kind braucht euch ungefähr 18 bis 25 Jahre lang – da könnt ihr nicht einfach nach fünf Jahren im Burnout versinken, nur weil ihr euerm Kind buchstäblich alles geben wolltet. Kinder können verzichten: auf Geld, auf Zeit, auf eure Allgegenwart.

Kinder brauchen daher Eltern, die sich in ihrem Leben wohlfühlen, sei es durch eine funktionierende Beziehung, einen Job, Freunde oder Ehrenämter. Der einzige Lebensinhalt für seine Eltern zu sein, belastet ein Kind. Daher: Sorgt für euch selbst, dann seid ihr auch in der Lage, gut für euer Kind zu sorgen. Ein erster Schritt ist, unabänderliche Begebenheiten anzunehmen.

(Birgit Kummer ist Mutter von vier erwachsenen Kindern, Erzieherin und Heilpädagogin. In ihrer integrativen Bildungsarbeit mit emotional und psychisch auffälligen Jugendlichen muss sie besonders oft abwägen, wo sie wessen Verantwortung sieht.)