6 %: Wählt laut!

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Gestern ist mir wieder diese schockierende Zahl begegnet: 6 %. Das ist die Zahl der Wähler_innen in Deutschland, die unter 30 Jahren sind. Also die Gruppe derjenigen, die gerade unsere Kinder bekommen oder noch bekommen sollen in den nächsten Jahren. Diejenigen, die den Lebensunterhalt für all die Rentner_innen verdienen, die in diesem Land leben. Diejenigen, deren Kinder die Schulden aufgehalst bekommen, die Staat und Industrie täglich machen – monetär oder durch den Verbrauch von Umweltressourcen, die unseren Kindern fehlen werden.

6 % sind daher so erschreckend, weil es bedeutet: Selbst wenn alle unter 30-Jährigen dieselbe Partei wählen würden, käme diese Partei gerade mal über die Fünf-Prozent-Hürde. Im Umkehrschluss heißt das: Die unter 30-Jährigen sind in diesem Land als Wähler_innen völlig irrelevant. Das ist der Grund, warum Politiker_innen Rentnerpolitik machen. Nicht Rentenpolitik, sondern Politik für Rentner_innen.

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Minderheitenwahlrecht für unter 30-Jährige?

6 % – damit sind die unter 30-Jährigen eine Minderheit. In Deutschland kann man ein Minderheitenwahlrecht beantragen – so wie es die Dänische Volksgruppe in Schleswig-Holstein und bundesweit hat. Das Minderheitenwahlrecht gewährt einer Minderheit garantierte Vertretung, vorbestimmte Quotierung der Sitze, niedrigere erforderliche Stimmzahl pro Mandat, Ausnahme von der Fünf-Prozent-Hürde und Erleichterung des Wahlantritts.Das Minderheitenwahlrecht gewährt einer Minderheit garantierte Vertretung, vorbestimmte Quotierung der Sitze, niedrigere erforderliche Stimmzahl pro Mandat, Ausnahme von der Fünf-Prozent-Hürde und Erleichterung des Wahlantritts. Wäre es nicht toll, wenn in allen Parlamenten garantiert (!) ein paar unter 30-Jährige sitzen würden? Leider: Die Kriterien für das Minderheitenwahlrecht erfüllen die unter 30-Jährigen nicht …

Welches Verhalten also sollen wir nun aus dieser Erkenntnis ableiten, dass unsere Stimme kaum zählt? (Denn seien wir ehrlich: Selbst wenn wir die unter 40-jährigen Wähler_innen zählen, sind wir noch lange nicht relevant.) Am 24. September lieber eine Radtour machen statt unser Kreuz? Resignieren: Nützt ja eh nichts?

Lasst Rentner_innen für eure Interessen wählen!

Nein. Meine Empfehlung ist: Wählt – und wählt laut! Damit meine ich nicht, dass ihr das geheime Wahlrecht aufgeben sollt. Viel eher meine ich: Macht es wie die Politiker_innen – setzt auf die Rentner_innen. (Andrea Stullich ist so von einer politisch unbekannten Person in einem Senkrechtstart bei der letzten NRW-Wahl direkt in den Landtag eingezogen: Sie hat die Alten auf ihre Seite gebracht – man erinnere sich an das Wahlplakat, auf dem sie artig in Schürze für ihren Mann Gemüse schnippelt.)

Jede_r von euch kennt Rentner_innen, denen ihr etwas bedeutet. Denen eure Kinder etwas bedeuten. Redet mit ihnen. Sagt ihnen: „Mama/Opa/Großtante, ich kann verstehen, dass du bewahren möchtest, was du für gut hältst und dass du deswegen Angst hast vor Veränderung. Aber dieses Gute, das du bewahren möchtest, wird es eben genau dann bald nicht mehr geben, wenn sich in unserem Land nichts ändert. Du hast Angst um deine Rente – das verstehe ich. Nur, es ist so: Die nächsten Jahrzehnte deines Lebens wird rentenmäßig nichts passieren, dass es dir wirklich schlecht geht. Selbst wenn es jetzt nur noch Nullrunden gäbe. Aber im gleichen Zeitraum, in dem deine Realrente steigt, sinkt mein Reallohn – und das seit Jahrzehnten.

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Wenn alles so weitergeht wie bisher, werde ich keine Rente bekommen, von der ich leben kann. Das bedeutet, ich werde keine Zeit haben, um wie du mit meinen Enkeln zu spielen – denn ich werde arbeiten. Auch mit 70 oder 80 noch. Ich werde nicht das haben, was du jetzt so schön findest. Und deine Enkel_innen auch nicht. Denn die werden von ihrem Lohn noch weniger übrig behalten, nachdem die Renten davon abgezogen wurden. Bitte denk doch daran, wenn du das nächste Mal wählen gehst.“

Generationen-Miteinander – nicht –Gegeneinander!

Wenn wir etwas verändern wollen, brauchen wir die Rentner_innen. Dabei geht es nicht darum, ihnen etwas wegzunehmen: Sie haben ein finanziell sicheres Leben verdient. Als meine Großeltern so alt waren wie ich heute haben sie verdammt hart gearbeitet, um sich einen Lebensstandard zu erwirtschaften, der immer noch weit hinter meinem heute zurückstand. Ich will ihnen nichts nehmen. Aber der Generationenvertrag, der unser aller Auskommen sichern soll, ist kaputt – dieses Land hat ihn gebrochen. „Unseren Kindern soll es einmal besser gehen“ – dieses uralte Motiv will ich wiederbeleben, indem es heißt: „Unseren Kindern soll es einmal nicht wesentlich schlechter gehen.“

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Unsere Tochter hat zwei Cousinen – und fünf Urgroßeltern. Dieses Missverhältnis können wir nutzen: indem wir die Wahlmacht ihrer Urgroßeltern dafür einsetzen, dass sie für unsere Tochter wählen. Für ihre Zukunft. Zählen ihre nächsten 80 Jahre nicht mindestens genauso viel, als die fünfmal zehn Jahre, die ihre Urgroßeltern hoffentlich noch vor sich haben?

Wenn ihr gehört werden wollt, seid laut und mutig!

Also, wählt laut! Sagt euren „Alten“ nicht, welche Partei sie wählen sollen, sagt ihnen, auf welche politischen Maßnahmen es euch ankommt. Was ihr euch für die Zukunft wünscht. Und warum. Schreibt an Politiker_innen, wenn euch etwas nicht passt, unfair erscheint, und unterschreibt mit mehreren Leuten. Das Thema Hebammenvergütung haben wir damals lokal mit den Unterschriften von nur einem Geburtsvorbreitungskurs angestoßen. Und zu der UVG-Diskussion habe ich nun auch wieder eine E-Mail geschickt.

(Und falls eure „Alten“ schon per Briefwahl gewählt haben – macht nichts: Die nächste Wahl kommt gewiss und Überzeugung braucht ja oft auch ein bisschen.)

Wo ihr euch informieren könnt

Ein paar Bücher zum Thema:

Keine Kinder sind auch keine Lösung – Rezension von mir hier.

Ebenfalls gelesen habe ich diese Bücher, die ich euch empfehle und die ihr für jeweils 2,- Euro bei der Landeszentrale für Politische Bildung NRW (LzpB) bestellen könnt:

Noch nicht gelesen habe ich von der LzpB: