Zähneputzen bei Kindern – und weitere „bissige“ Fragen

Interview mit Dr. Sabrina Wegenast, Fachzahnärztin in Rheine und Mutter

Bild: Zähneputzen bei Kindern ist für Eltern oft mit vielen Fragen verbunden. (Quelle: Alexas_Fotos auf pixabay) 

Wie lange muss ich eigentlich meinem Kind die Zähne putzen und ab wann kann es das allein? Mit dieser und weiteren Fragen rund um Kinderzähne treffe ich Dr. Sabrina Wegenast: Sie ist Fachzahnärztin für Oralchirurgie im Zahnzentrum Rheine und widmet sich unter anderem intensiv der Behandlung von Kindern. Momentan darf sie ihren Beruf nicht ausüben, denn ihre Tochter bekommt bald ein Geschwisterchen. Deswegen unterhalten wir uns bei ihr zuhause über das Zähneputzen bei Kindern: Während ich mir Notizen mache, schaukelt Sabrina meine Tochter quer durch den Garten. Die scheint beim Interview gut zugehört zu haben, denn seitdem macht sie abends beim Zähneputzen brav den Mund auf …

Zähneputzen bei Kindern

Sabrina treffe ich zum Interview in ihrem Garten.


Sabrina, was sagst du Eltern, deren Kind mit 13 Monaten noch immer keinen einzigen Zahn hat?

Dass sie sich keine Sorgen machen sollen: Jedes Kind bekommt seine Zähne zu einem anderen Zeitpunkt und oftmals in  unterschiedlicher Reihenfolge. Bei Spät-Zahnern kommen die Zähne dann oft alle auf einmal. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis ist ein Kind, das zuerst einen oberen Eckzahn bekommen hat – das sah sehr lustig aus!

Es gibt seltene Fälle, in denen Zähne in den Erbanlagen nicht angelegt sind, aber das hängt dann mit Syndromen zusammen, sodass das Kind auch andere auffällige Merkmale hat. Solange ich ein gesundes Kind habe, brauche ich mir auch um die Zähne keinen Kopf zu machen.

Zähneputzen bei Kindern

Dank Einfühlungsvermögenund Geduld fassen Kinder zu ihrem Zahnarzt Vertrauen. © Zahnzentrum Rheine

Und was hilft gegen die Begleiterscheinungen des Zahnens am besten?

Am besten hilft der klassische Beißring, darauf können die Kinder herumkauen und herumsabbern. Nachts im Schlaf geht das natürlich nicht, deswegen können hier Schmerzmittel helfen. Bei unserer Tochter habe ich mit Homöopathie gute Erfahrungen gemacht und die Zahnkügelchen haben – in der richtigen Dosierung angewandt – keine Nebenwirkungen. Die helfen aber nicht bei allen Kindern, deswegen empfehle ich in diesem Fall Zäpfchen oder Ibuprofen in Absprache mit dem Kinderarzt. Begleiterscheinungen wie hohes Fieber und starken Durchfall sollten Eltern bitte auch abklären lassen, um auszuschließen, dass keine andere Ursache wie z. B. ein Infekt dahinter steckt.

Ab wann sollten wir Eltern dann die kleinen Beißerchen putzen?

Ab dem ersten Zahn! Wie und womit, da gehen die Meinungen der Zahn- und Kinderärzte sehr auseinander – es geht dabei um die Frage der Fluoridierung für Kinder bis zwei Jahre. Fluorid ist wichtig für den Zahnschmelz-Aufbau, aber wie es verabreicht werden soll, da sind Zahn- und Kinderärzte uneinig.

Es gibt zwei Wege: Entweder man gibt dem Kind D Fluoretten, die enthalten Vitamin D und Fluorid, und putzt mit einer fluoridfreien Zahnpasta. Oder man gibt dem Kind die Vigantoletten ohne Fluorid und kauft eine Fluoridzahnpasta, die eine Fluorid-Dosierung extra für Kinder hat. Diese Dosierung (500 ppm) ist auch dann unbedenklich, wenn die Kinder die Zahnpasta in Mini-Mengen schlucken. Zusätzlich wird bei beiden Varianten empfohlen, dass zum Kochen fluoridiertes Speisesalz verwendet wird.

Wichtig ist dann noch: Ab dem zweiten Geburtstag, wenn die D-Fluoretten abgesetzt werden, soll zweimal täglich mit einer fluoridhaltigen Zahnpasta geputzt werden.

Zähneputzen bei Kindern

Kleine Kinder sind noch nicht in der Lage, sich die Zähne ausreichend zu putzen. Erst mit etwa acht Jahren beherrschen sie das. (Quelle: collusor auf pixabay)

Die Hauptsache ist, dass Eltern für das Zähneputzen bei Kindern einen der beiden Wege konsequent durchhalten – darin sind sich Zahn- und Kinderärzte einig. Und bitte nicht beides machen: D Fluoretten und fluoridierte Zahnpasta, das kann weiße Flecken auf den Zähnen geben und einen porösen Zahnschmelz!

Beim Zähneputzen bei Kindern kommt es generell darauf an, dass der Biofilm oder auch Plaque genannt, von den Zähnen entfernt wird, damit keine Karies entsteht. Putzen sollte man bis zum zweiten Geburtstag einmal täglich, am besten abends, mit einer erbsengroßen Menge Zahnpasta. Bis zu einem Alter von ca. acht Jahren sollten die Eltern das Zähneputzen überwachen. Wenn das Kind fließend Schreibschrift schreiben kann, dann ist es motorisch in der Lage, auch die Zähne selbst gut zu putzen.

Das mit dem Zähneputzen bei Kindern ist immer so leicht gesagt. Irgendwelche Tipps für störrische Kinder?

Augen zu und durch. Ich sehe die Auswirkungen von Karies täglich. Und selbst Putzen können kleine Kinder noch nicht. Sie kauen nur auf der Bürste herum, dadurch verbiegen sich die Borsten, aber die Zähne werden nicht sauber.

Zähneputzen bei Kindern

Unsere Tochter scheint Sabrina gut zugehört zu haben: Zähneputzen klappt jetzt leichter.

Das heißt natürlich nicht, dass wir unsere Kinder in den Schwitzkasten nehmen und mit Gewalt die Zähne putzen sollen. Aber Eltern sollten am Ball bleiben, es immer wieder versuchen. Wenn dann an einem Abend mal nicht geputzt wird, geht die Welt davon auch nicht unter. Wer will sein Kind schon extra fürs Zähneputzen wecken, wenn es auf dem Heimweg im Auto eingeschlafen ist und direkt ins Bett gelegt wird?

Man kann Kinder spielerisch an das Ritual des Zähneputzens gewöhnen, indem man ihnen die Zahnbürste in die Hand gibt, seine eigenen Zähne putzt und danach beim Kind nachputzt. So sieht das Kind, dass Zähneputzen etwas ganz Normales ist, was auch die Eltern tun.

Bei älteren Kindern, die gar nicht wollen, kann man es mit elektrischen Zahnbürsten versuchen, die gleichzeitig Musik spielen. Es gibt aber auch Smartphone-Apps, die das Zähneputzen mit einem Spiel verbinden. Mit solchen Erfindungen für das Zähneputzen bei Kindern macht die Zahnpflege-Industrie einen Wahnsinnsumsatz.

Wenn die Kinder größer sind, kann man das Zähneputzen belohnen, indem man z. B. aus einem Buch vorliest.

Milchzähne fallen doch sowieso nach ca. sechs Jahren aus. Kann man sich das Zähneputzen bei Kindern da nicht einfach sparen?

Auf keinen Fall! Bis tatsächlich alle Milchzähne durch bleibende Zähne ersetzt werden, sind die Kinder ca. zwölf Jahre alt. Kariöse Zähne führen im schlimmsten Fall zu Entzündungen an der Zahnwurzel, da können sich dann Abszesse bilden, die sehr schmerzhaft sind und an denen Menschen auch gestorben sind, bevor das Antibiotikum erfunden wurde. Bei Kindern unter vier Jahren ist ein Abszess im Zahnraum der häufigste Grund für einen Krankenhausaufenthalt.

Bei kleinen Kindern ist oft eine Vollnarkose nötig, weil man ihnen nicht einfach eine Spritze geben kann. Und wenn das Kind früh Milchzähne verliert, kann es weniger gut kauen und hat Schwierigkeiten beim Sprechen. Die Kinder benötigen dann oftmals eine kieferorthopädische Frühbehandlung und Unterstützung durch Logopäden. Dabei muss man aber auch an die psychosomatische Komponente denken, denn oftmals werden die Kinder im Kindergarten oder der Schule gehänselt.

Ab wann ist denn ein Zahnarztbesuch sinnvoll?

Karies hat meist mehrere Ursachen und kann auch bei guter Zahnpflege auftreten. Deswegen freue ich mich sehr, dass die Kinder jetzt nicht mehr erst ab dem 30. Lebensmonat von Kinderarzt zum Zahnarzt geschickt werden, sondern schon ab dem 6. Lebensmonat. Ist das Kind schon drei Jahre alt, ist es oft bereits zu spät.

Zähneputzen bei Kindern

Schon der erste Zahn lohnt den Besuch beim Zahnarzt. (Quelle: AdinaVoicu auf pixabay 2)

Der frühe Kontakt zwischen Eltern und Zahnarzt ist gut, weil wir offen über z. B. Fluoridierung sprechen können oder über Ernährung. Oft merken Eltern erst im Gespräch, dass sie hier und da doch Fragen haben. Das Kind lernt schon früh die Umgebung einer Zahnarztpraxis kennen, denn am besten nehmen die Eltern das Kind einfach mit, wenn sie selbst die Zahnvorsorge-Untersuchung haben.

Wird dann beim Kind tatsächlich Karies festgestellt, muss nicht unbedingt gleich gebohrt werden: In einem frühen Stadium kann schon ein Fluorid-Lack helfen. Deswegen ist es so wichtig, auch schon mit kleinen Kindern zum Zahnarzt zu gehen, selbst wenn Eltern sich lächerlich vorkommen, weil das Kind erst einen Zahn hat.

Hast du Tipps für den Zahnarztbesuch mit Kindern?

Eltern sollten auf keinen Fall suggerieren, dass ein Zahnarztbesuch etwas Schlimmes ist. Auch wenn sie selbst vielleicht Angst vor dem Zahnarzt haben, sollten sie neutral von dem Besuch sprechen.

Zähneputzen bei Kindern

Selbst wenn Eltern Angst vor ihrem eigenen Zahnarztbesuch haben, sollten sie neutral davon sprechen. © Zahnzentrum Rheine

Wir zwingen Kinder in unserer Praxis auch zu nichts, sie gewöhnen sich von selbst an die Umgebung. Anfangs wollen manche Kinder nicht mal auf den Stuhl und nach ein paar Besuchen machen sie dann sogar brav den Mund auf.

Ist Karies eigentlich innerhalb der Familie ansteckend?

Das wird kontrovers diskutiert. Karies ist eine durch Bakterien verursachte, chronische Entzündung. Die Bakterien sind immer da, ob sie Schaden anrichten, hängt von der Mundhygiene und vor allem von der Ernährung ab. Natürlich sollte ich nicht den Löffel oder Nuckel meines Kindes ablecken, wenn ich weiß, dass ich den Mund voller Karies habe. Aber ein gut gepflegtes, gesundes Gebiss käme sogar damit zurecht. In den Krabbelgruppen tauschen die Kinder ihre Schnuller ja auch munter hin und her.

Manchmal machen Eltern auch alles richtig bei ihren Kindern – und dann ist da doch ein Loch. Das kann manchmal sehr schnell auch zwischen zwei Kontrollterminen passieren, weil der Zahnschmelz vor allem bei Milchzähnen bei jedem Menschen unterschiedlich fest ist.

Was sollten Eltern denn tun, damit ihre Kinder möglichst keine Karies bekommen?

Generell gilt: Je weniger Süßigkeiten und zuckerhaltige Getränke wie Softdrinks und Obstsäfte – desto besser! Zucker kann man jedoch von Kindern nicht komplett fernhalten, aber sie sollten, wenn, Süßigkeiten nach den Hauptmahlzeiten bekommen, nicht über den Tag verteilt. Sonst sind ihre Zähne ständig der Säure ausgesetzt, die die Bakterien im Mund aus dem Zucker machen. Langfristig kann das auch Zahnfleischentzündungen hervorrufen. Deswegen sollte auch die Milchflasche nicht mit ins Bett gegeben werden, weil es sein kann, dass das Kind dann die ganze Nacht daran nuckelt. Und auch in der Milch ist Zucker (Milchzucker).

Zähneputzen bei Kindern

Dr. Sabrina Wegenast hat sich u. a. auf die Behandlung von Kindern spezialisiert. © Zahnzentrum Rheine

Thema Schnuller: Als Eltern wissen wir, dass der für die Zähne nicht gut ist – warum eigentlich?

Wenn Kinder über den dritten Geburtstag hinaus am Daumen oder Schnuller nuckeln, kann ein offener Biss entstehen, das heißt, die Frontzähne treffen nicht aufeinander und es entsteht ein Loch im Frontzahnbereich. Die Kinder haben Schwierigkeiten, Nahrung abzubeißen oder zu kauen, und die Sprachentwicklung kann beeinträchtigt sein. Die Zunge schiebt sich in die Lücke zwischen den Schneidezähnen und die Kinder beginnen oft zu lispeln. Darüber hinaus kann ein offener Biss zur Mundatmung führen, die einen trockenen Mund macht. Dadurch sind die Zähne wieder weniger geschützt, denn Speichel ist wichtig für die Mundgesundheit.

Bei kleinen Kindern wächst der Kiefer allerdings noch, sodass ein offener Biss noch gut korrigiert werden kann. Es ist daher auch völlig okay, schon früh mit einem Kind zum Kieferorthopäden zu gehen um kontrollieren zu lassen ob und ab wann eine Behandlung notwendig sein kann.

Wie bekommen wir unser Kind denn dazu, den Schnuller abzugeben?

Manche Kinder signalisieren mit zwei, drei Jahren selbst, dass sie den Schnuller nicht mehr brauchen. Dann kann man ihn einfach konsequent an sich nehmen und entsorgen und sollte ihn auch nicht für „Notfälle“ aufbewahren.

Zähneputzen bei Kindern

Beim Zahnarzttermin der Eltern lernen Kinder die Praxis kennen. © Zahnzentrum Rheine

Ansonsten können Rituale helfen, den Schnuller abzugeben: Entweder kommt die Schnuller-Fee und tauscht den Schnuller gegen ein Geschenk oder der Schnuller wird in einem kleinen Festakt an den Schnullerbaum gehängt – letztere Methode ist in den skandinavischen Ländern etabliert. Spätestens wenn die Kinder gemeinsam in der Kita oder Schule übernachten, wird der Schnuller oder das Daumenlutschen meist uncool.

Woran erkennen wir Eltern als Laien einen guten Zahnarzt?

Seit ich Mutter bin, weiß ich, dass Eltern überall verunsichert werden – nicht nur, was Zähne oder andere medizinische Themen angeht. Daher ist es wichtig, mit dem Zahnarzt eine Vertrauensbasis zu haben, auf der man offen diskutieren kann. Mir ist es lieber, die Eltern sagen mir: „D Fluoretten und Fluoridzahnpasta finden wir blöd!“, dann kann ich sie aufklären und die positive Wirkung vor allem von fluoridhaltiger Zahnpasta erklären. Und wenn in seltenen Fällen Eltern von Fluorid absolut nicht zu überzeugen sind, dann können wir immer noch Alternativen besprechen wie, wenig Zucker zu essen, gut zu putzen und regelmäßig zu Kontrollen zu kommen. Ein Zahnarzt sollte, überspitzt gesagt, solche Eltern auf keinen Fall als „doofe Ökos“ abstempeln.

Zähneputzen bei Kindern

Zähneputzen bei Kindern ist für Eltern oft mit vielen Fragen verbunden. (Quelle: Alexas_Fotos auf pixabay)

Ein guter Rat zum Schluss?

Die wichtigsten Tipps sind: Eltern sollten ihren Kindern die Zähne selbst putzen bzw. bis zum achten Lebensjahr kontrollieren, sich für einen Weg der Fluoridierung entscheiden und ab dem ersten Zahn regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung gehen. Wichtig ist auch eine ausgewogene und gesunde Ernährung. Alles andere sollen Eltern so machen, wie es am besten in ihr Leben passt.

Oft nehmen sich werdende Eltern so viel vor – und wenn man dann Kinder hat, ist eh alles anders. Eltern kämpfen heute auf so vielen Gebieten: Schlafen, Essen, Gesundheit … Ein wenig Gelassenheit ist völlig okay.