Welche Welt schaffen wir für unsere Kinder?

Drei Tests, die mich nachdenklich machen: Was bedeutet mein Verhalten für unsere Tochter?

Bild: 52 Sklaven arbeiten für mich – sagt mein Sklaverei-Fußabdruck. (Quelle: www.slaveryfootprint.org)

Ein Satz in dem Film „The Beginning of Life“ hat mich besonders berührt. Darin wird den Eltern, die sagen: „Ich kümmere mich gut um meine eigenen Kinder, ich kann nicht auch noch für anderer Eltern Kinder da sein oder die Welt verbessern“ entgegnet: „Wenn deine Kinder aufwachsen, wird ihr Leben leichter oder schwerer je nachdem, wie viele Menschen ihres Alters zur Gesellschaft beitragen oder diese belasten.“

Daraufhin habe ich überlegt, was ich dafür tue, damit unsere Tochter in eine Welt hineinwächst, die ihr freundlich gesonnen ist. Klar, ich engagiere mich ehrenamtlich, aber das berührt nur die Welt hier – sie könnte später ja wegziehen. Deswegen muss ich global denken, wenn ich mir diese Frage nach meinem Einfluss auf ihre Zukunft stelle.

Und natürlich beeinflusse ich die Welt mit meinem täglichen Handeln (oder Nichthandeln). Um einen Eindruck davon zu bekommen, was mein Leben für andere Menschen auf der Welt bedeutet, habe ich mir drei „Fußabdrücke“ erstellen lassen.

Wie viele Sklaven beschäftige ich?

Mein Handy, mein Laptop, meine Kleidung, mein Essen werden überall auf der Welt hergestellt – nicht immer unter menschenwürdigen Bedingungen: Wenn Menschen unmündig und abhängig leben und keine Möglichkeit haben, über ihr Leben selbst Entscheidungen zu treffen, dann bezeichnet man sie als moderne Sklaven. Die Gründe für ihre Unmündigkeit und Abhängigkeit können der Mangel an Geld sein, an rechtlicher Freiheit, natürlicher Lebensgrundlage, Sicherheit oder an persönlicher Macht. Oft ist es eine Verkettung mehrerer Umstände. Viele Sklaven auf dieser Welt sind Kinder – gar nicht so viel älter als unsere Tochter. Was bedeutet es für die Welt, in der unsere Tochter leben wird, wenn ein Teil ihrer Altersgenossen als Sklaven aufwächst?

Meinen „Fußabdruck Sklaverei“ habe ich nur grob erstellen lassen: Wenn man alle Details einem Finetuning unterwirft, sitzt man Stunden an dem Test. Er ist auf Englisch, aber grafisch so schön aufgemacht, dass man ihn auch mit wenigen Englischkenntnissen ausfüllen kann. Abgefragt werden Essverhalten, Kleidung, Sportausrüstungen, Elektrogeräte, Kosmetika, Hauseinrichtung und Schmuck. Mein Ergebnis:

Quelle: www.slaveryfootprint.org

Quelle: www.slaveryfootprint.org

Die Seite sagt mir absichtlich nicht, ob das nun viele oder wenige Sklaven sind im Vergleich zum deutschen Durchschnitt zum Beispiel. Denn macht es das Leben für den einzelnen versklavten Menschen besser, wenn ich mehr oder weniger Sklaven beschäftige als ihr? Kaum. So sitze ich jetzt hier mit diesem Ergebnis und grüble darüber nach:

  • 52 Sklaven. Das sind zwei Schulklassen. Kinder aus zwei Schulklassen sitzen in dunklen, stickigen Höhlen, um meine Konsumgüter herzustellen – statt dort zu sein, wo sie sein sollten: in einer Schulklasse. Wie lange am Tag arbeiten sie für mich? Sitzen sie schon an ihrer Arbeit, wenn ich morgens mein Frühstück genieße? Haben sie überhaupt heute ein Frühstück bekommen? Und wenn ich mich abends ins Bett lege, arbeiten sie dann immer noch dort, mit gebeugten Rücken und müden Augen?
  • 52 Sklaven. Das ist, grob geschätzt, mein Bekanntenkreis. Wie ist es, in einem Umfeld zu leben, in dem jeder ein Sklave ist, mit dem du zu tun hast? Welche Auswirkungen hat es auf deine Lebensfreude, deine Hoffnung, deine Träume? Auf das, was du deinen Kindern abends sagst, wenn du sie schlafen legst?
  • 52 Sklaven. Nehmen wir mal an, jeder von denen arbeitet 13 Stunden am Tag für mich, sechs Tage die Woche. Das sind 4.056 Stunden, die Menschen für mich jede Woche (!) arbeiten, ohne sich dadurch eine Zukunft zu erwirtschaften – oder auch nur mehr als die Schüssel Reis, die sie als Mahlzeit haben. Was das für einen Menschen bedeutet, zeigt sehr schön der Film „Living On One Dollar“.

Wie verändere ich das Klima unserer Erde?

Nicht zum Positiven, auf jeden Fall:

KlimabilanzDer Klimarechner des WWF bescheinigt mir kein klimaverantwortliches Verhalten. Schön ist, dass ich für jeden Bereich Tipps erhalte, wie ich meine Klimabilanz verbessern kann. Und manches ist ja wirklich einfach: Lieber eine Jeans kaufen, deren Qualität ich einige Jahre Haltbarkeit zutraue, statt jede Saison eine billige neue.

Wenn wir in alle Preise unserer täglichen Einkäufe die Kosten einberechnen würden, die durch die Folgen von Umweltzerstörung und Klimawandel auf unsere Kinder zukommen, nur weil wir die Dinge herstellen, wie wir es tun, dann würden wir sehr viel genauer überlegen. Ob wir z. B. die dritte Spielkonsole tatsächlich anschaffen müssen. Oder ob es im Winter Erdbeerkuchen geben muss.

Quelle: WWF Klimarechner

Quelle: WWF Klimarechner

Aber wie oft greife ich zum billigeren Produkt statt zum langlebigeren? Es ist ja nicht wirklich billiger, es zahlt nur jemand anderes als ich: Mein Sklave durch fehlenden fairen Lohn oder unsere Tochter durch schlechtere Lebensbedingungen, wenn sie erwachsen ist. Vielleicht muss sie später nicht alle paar Jahre ihren Keller auspumpen lassen wegen Starkregen – sondern mehrmals jeden Sommer? Vielleicht müssen ihre Kinder an manchen Tagen der Schulefern bleiben wegen faustgroßer Hagelkörner, die sie auf dem Schulweg erschlagen könnten? Vielleicht wird die Grenze für Hitzefrei für ihre Kinder auf 40 Grad hochgesetzt, weil 35 Grad die normale Sommertemperatur sind? Wer weiß das schon?

Wie viel von den Ressourcen dieser Erde verbrauche ich?

„Am 8. August 2016 ist der Earth Overshoot Day, auf Deutsch Erdüberlastungstag. An diesem Tag hat die Weltbevölkerung so viele ökologische Ressourcen genutzt, wie der Planet im ganzen Jahr regenerieren kann.“

Und wie sieht mein ökologischer Fußabdruck aus? Allein, dass ich in Deutschland wohne und unsere luxuriöse Infrastruktur nutze mit ihren vielen Straßen und Häusern, ihrem fließenden Wasser und dem immer verfügbaren Strom, den Bahnen und Bussen, den Geschäften voller Essen und Kleidung – allein das macht meinen ökologischen Fußabdruck schon riesig: 0,8 globale Hektar (gha) biologisch produktive Fläche ist quasi der „Grundumsatz“ der Deutschen.

Quelle: www.fussabdruck.de

Quelle: www.fussabdruck.de

Aber wie steht es um mich selbst? Mein ökologischer Fußabdruck sagt: Wir bräuchten 2,7 Planeten, wenn jeder so viel verbrauchen würde wie ich.

Quelle: www.fussabdruck.de

Quelle: www.fussabdruck.de

Wir haben aber nur eine Erde – und damit wir mit der auskommen, dürfen wir nur 1,7 gha pro Kopf verbrauchen statt 4,5 gha (ich) oder 5,3 gha (Durchschnitt Deutschland) oder 2,8 gha (Durchschnitt Welt). Das bedeutet: Das verschwindend Wenige, das die erschreckend vielen Armen auf diesem Planeten konsumieren, reicht nicht aus, um die Konsumsucht der wenigen Reichen auf der Welt auszugleichen.

Mit anderen Worten: Ich fresse unserer Tochter ihr Essen von morgen weg. Das ist ein Gedanke, der mir wesentlich näher geht, als die Bilder von den Hungernden in der gefühlt so fernen Welt da draußen, an die wir uns schändlicherweise schon gewöhnt haben.

Quelle: www.fussabdruck.de

Quelle: www.fussabdruck.de

Na, wenigstens habe ich noch nie für Sex bezahlt …

Aber das ist auch kein wirklicher Trost, auch wenn die grafische Idee, die www.slaveryfootprint.org da hatte, echt pfiffig ist.

Quelle: www.slaveryfootprint.org

Quelle: www.slaveryfootprint.org

Quelle: www.slaveryfootprint.org

Quelle: www.slaveryfootprint.org

Bin ich ein schlechter Mensch?

Muss ich jetzt in ein Land mit schlechter Infrastruktur auswandern, um mich weniger schuldig zu fühlen? Keine gute Idee: Denn die Ausbildung und Startvoraussetzungen, um die Welt zum Besseren zu verändern und mit den Problemen von morgen fertig zu werden, bekommt unsere Tochter am ehesten hier. Wir haben bisher versagt dabei, unsere Welt enkeltauglich zu gestalten – vielleicht schaffen es unsere Kinder. Aber natürlich wachsen auch sie mit den falschen Gewohnheiten auf, die wir ihnen vorleben. Und deswegen reicht es nicht, die Aufgabe an sie weiterzugeben: Wir müssen bessere Vorbilder werden. Und damit können wir heute anfangen.

Probiert die drei Tests mal für euch aus, es ist wirklich spannend! Weniger die Ergebnisse, da wissen wir im Voraus, dass wir keine Muster-Erdbewohner sind. Sondern wegen des Prozesses: Ich habe beim Sklaverei-Test nachgezählt, wie viele Oberteile ich im Schrank habe – und es waren viel mehr, als ich geschätzt hätte! Auch gut sind die Tipps, die ihr am Ende der Tests erhaltet. Denn ein schlechtes Gewissen macht noch keinen guten Menschen.

Wir müssen zurückkehren zu dem, was uns zu allererst menschlich macht: Ideenreichtum und Solidarität„, sagte Olusegun Obasanjo, ehemaliger Staatspräsident von Nigeria, zur Eröffnung der 33. Jährlichen Plenarsitzung des InterAction Council. Wer neben Bio, Second Hand, Stromsparen und all den anderen Tipps für ein nachhaltigeres Leben noch eine Anleitung benötigt, der findet hier eine dazu, wie man ein besserer Mensch wird. Na los, machen wir jeder diese Welt ein kleines bisschen besser. Für unsere Kinder.